EWR 19 (2020), Nr. 5 (November / Dezember)

Stefanie Rinaldi
Menschenrechtsbildung an Gymnasien
VerstÀndnisse, Chancen und Herausforderungen
Leverkusen: Barbara Budrich 2018
(332 S.; ISBN 978-3-86388-787-2; 43,00 EUR)
Menschenrechtsbildung an Gymnasien Menschenrechtsbildung in der gegenwĂ€rtigen Form geht auf die Erfahrungen der GrĂ€uel des Zweiten Weltkriegs zurĂŒck. Im Zentrum der Menschenrechtsbildung steht daher die BeschĂ€ftigung mit pĂ€dagogischen AnsĂ€tzen zur Überwindung von Gewalt in unterschiedlichen Formen. Diese zeichnen sich vielfach durch eine starke Zielfokussierung, festgehalten in der Allgemeinen ErklĂ€rung der Menschenrechte, und einer damit verbundenen Handlungsorientierung aus. Kodifizierte Menschenrechte fungieren als Grundlage und Leitlinie gleichermaßen fĂŒr ethisches wie rechtebasiertes Handeln. Hinzu kommt eine menschenrechtliche Haltung, die in der Menschenrechtsbildung herausgearbeitet und angeregt werden soll. Will Menschenrechtsbildung aber mehr sein als das bloße Wissen ĂŒber kodifizierte Menschenrechte, muss ein Bewusstsein fĂŒr die persönliche Verantwortung an der Verwirklichung der Menschenrechte vermittelt werden. Im schulischen Kontext verlangt dies, die Erlebbarkeit der normativen Bedeutung der Menschenrechte im Alltag erfahrbar zu machen.

Umso bedeutsamer ist die Untersuchung der Sichtweisen von Lehrpersonen zu Menschenrechtsbildung im Unterricht, da sie diese aktiv im schulischen Kontext umsetzen sollen. Diesem Spannungsfeld aus Wissen, Haltung, Handlung und Lernumgebung (in der einschlĂ€gigen Literatur in Bildung ĂŒber, fĂŒr und durch Menschenrechte unterteilt), in dem sich Lehrpersonen befinden, widmet sich Stefanie Rinaldi in ihrer als Monographie veröffentlichten Dissertationsschrift.

Die Studie nimmt ihren Ausgangspunkt bei der Rolle der Lehrpersonen in der Umsetzung der Menschenrechtsbildung und berĂŒcksichtigt damit einen in der empirischen Forschung lange vernachlĂ€ssigten Aspekt. Rinaldi bezieht sich dabei auf aktuelle Theorien der Bildungs- und Lehrpersonenforschung, die die Sichtweisen von Lehrpersonen als SchlĂŒsselfaktor identifizieren.

Anhand von Gruppendiskussionen untersucht Rinaldi die Sichtweisen und VerstĂ€ndnisse von Schweizer Gymnasiallehrpersonen zu Menschenrechtsbildung. Ausgehend von den Ergebnissen dieser hat die Studie zum Ziel, Möglichkeiten fĂŒr die weitere Umsetzung und Entwicklung der schulischen Menschenrechtsbildung an Gymnasien zu erarbeiten. In den Blick wird dabei das VerstĂ€ndnis von Menschenrechtsbildung gerĂŒckt wie ebenso die Einstellungen und Überzeugungen zu Lerninhalten, Lernzielen, Lehr-Lern-Prozessen sowie Bildungsauftrag der Gymnasien wie damit verbundenen Herausforderungen fĂŒr den Bereich Menschenrechtsbildung. Der Fokus auf Lehrpersonen in der Schweiz ist von spezifischem Interesse, da Menschenrechtsbildung und verwandte Bildungskonzepte keine expliziten Bestandteile der LehrplĂ€ne fĂŒr Schweizer Gymnasien sind. Die Frage, auf welche Konzepte sich Lehrpersonen alternativ beziehen, ist daher besonders bedeutsam.

ZusĂ€tzlich zu den genannten Punkten rĂŒcken damit ebenso personen- und kontextbezogene Sichtweisen zu menschenrechtsbasierten Lernumgebung, zur Selbstwirksamkeit und zu gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in das Zentrum der Untersuchung.

Die besondere Relevanz der Studie von Rinaldi liegt darin, subjektive Bedeutungen und VerstĂ€ndnisse als Grundlage der Menschenrechtsbildung anzuerkennen und zu untersuchen. Die BeschĂ€ftigung mit Menschenrechten bietet Lehrpersonen und jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit Werten, Haltungen und persönlichen wie gesellschaftspolitischen Prozessen auseinanderzusetzen und eigene Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren. Die Anregung von Lernprozessen ist daher auch in einem hohen Maße subjektiv geprĂ€gt.

Aus Perspektive der Forschung zu Menschenrechtsbildung trĂ€gt die Autorin zudem zum Schließen von zwei weiteren ForschungslĂŒcken bei: der Abweichung von Theorie und Praxis sowie einer empirisch fundierten Reflexion der zahlreichen Herausforderungen, die sich in der pĂ€dagogischen Umsetzung der Menschenrechtsbildung aufgrund des skizzierten Spannungsfeldes stellen.

Die Ergebnisse der Studie bestĂ€tigen die Relevanz und subjektiven Erfahrungen und Konzepte von Lehrpersonen als determinierenden Faktor und wichtige Voraussetzung fĂŒr die Integration von Menschenrechtsbildung in den schulischen Alltag und fĂŒr den Lernerfolg der SchĂŒler*innen.

Rinaldi nutzt ihre Ergebnisse um aufgrund deren Bedeutung fĂŒr den pĂ€dagogischen Alltag Ideen fĂŒr die pĂ€dagogische und methodische Weiterentwicklung an Schweizer Gymnasien zu skizzieren und VorschlĂ€ge zu institutionellen Maßnahmen, unterstĂŒtzenden Materialien sowie Aus- und Weiterbildung zu erstellen. Auch das Backcover der Monographie verspricht neben der PrĂ€sentation der Sichtweisen von Lehrpersonen zum einen auch Ableitungen wie Menschenrechtsbildung pĂ€dagogisch, methodisch und institutionell weiterentwickelt werden kann. Zum anderen kĂŒndigt es Ideen fĂŒr die pĂ€dagogische Umsetzung an. Hinter dieser AnkĂŒndigung bleibt die Studie etwas zurĂŒck. Die Ableitungen werden nur rudimentĂ€r skizziert und bleiben letztlich nur erste Anregungen. Sie laden jedoch zum Weiterdenken und -forschen an und können durchaus als sehr wertvolle Forschungsdesiderata betrachtet werden. Sie zeigen Impulse fĂŒr eine wenig erforschte Menschenrechtsbildung auf, die sich zuweilen mit der Erstellung von Unterrichtsmaterialien und Methodensammlungen zufriedengibt.

Auch wenn die Autorin zu Ende des Buches betont, dass die Schlussfolgerungen der Studie aufgrund des Schwerpunkts auf das schweizerische Bildungssystem und dessen Defizite im Bereich Menschenrechtsbildung nur wenig auf andere Kontexte transferiert werden können, bietet das Buch nach EinschĂ€tzung der Rezensentin dennoch wertvolle Impulse fĂŒr schulische Menschenrechtsbildung auch außerhalb der Schweiz wie grundlegend fĂŒr Forschung zu Menschenrechtsbildung.

Aufgrund der sehr umfassenden Literaturaufarbeitung ist das Buch von Rinaldi obwohl es in erster Linie eine Forschungsarbeit ist, zudem ein sehr lohnenswerter Einstieg fĂŒr Lehrpersonen, Multiplikator*innen und weitere Interessierte der schulischen Menschenrechtsbildung. Durch den Bezug auf einschlĂ€gige internationale Dokumente der Menschenrechte und Menschenrechtsbildung sowie durch die Auseinandersetzung und Abgrenzung mit verwandten Bildungsbereichen wie bspw. der FriedenspĂ€dagogik, werden Inhalt, Ansatzebenen und Ziele der Menschenrechtsbildung klar verdeutlicht. Ebenso wird ein Einstieg in gegenwĂ€rtige Diskurse der Menschenrechtsbildung ermöglicht. Auch wenn nicht alle Erwartungen in Bezug auf angekĂŒndigte Themen zur GĂ€nze erfĂŒllt werden, ist das Buch dennoch sehr lesenswert und ein wichtiger Beitrag zu einer dringend benötigten empirisch fundierten Menschenrechtsbildung und Bildungsforschung.
Melanie Hussak (Landau)
Zur Zitierweise der Rezension:
Melanie Hussak: Rezension von: Rinaldi, Stefanie: Menschenrechtsbildung an Gymnasien, VerstĂ€ndnisse, Chancen und Herausforderungen. Leverkusen: Barbara Budrich 2018. In: EWR 19 (2020), Nr. 5 (Veröffentlicht am 22.12.2020), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386388787.html