EWR 19 (2020), Nr. 3 (Juli / August)

Renate Rohde
Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus
Eine ethnografische Studie zu Initiativen in Rostock und Mölln
Opladen/Berlin/Toronto: Budrich UniPress 2019
(246 S.; ISBN 978-3-86388-802-2; 34,90 EUR)
Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus Die Dissertation von Renate Rohde widmet sich den rassistisch und rechtsextrem motivierten BrandanschlĂ€gen und Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Mölln 1992. Genauer fragt die Autorin nach den zivilgesellschaftlichen Reaktionen und Verarbeitungen beider FĂ€lle und legt damit den Schwerpunkt auf die demokratische Gegenwehr. Methodisch verknĂŒpft die Arbeit ethnografische, teilnehmende Beobachtungen mit Dokumentenanalysen und qualitativen Interviews. So entsteht eine durchaus umfassende Datengrundlage die erstens aus teilnehmenden Beobachtungen von mehreren Besuchen in den StĂ€dten besteht, zweitens informelle GesprĂ€che und Interviews mit vor Ort lebenden Personen und Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Initiativen verarbeitet und drittens Unterlagen aus den stĂ€dtischen Archiven einbezieht. Mit diesem multiperspektivischen Ansatz vermag es Renate Rohde, die Mikroperspektive von lokalen Akteur*innen mit makrosoziologischen Einordnungen ĂŒber die Wendezeit und die KontinuitĂ€ten des organisierten Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland zu verbinden. Die Ergebnisse der umfassenden Erkundungen sind fĂŒr alle, die sich dem Schutz unserer Demokratie verschrieben haben, gewinnbringend.

Zugleich ist die Arbeit nicht ohne SchwĂ€chen. Sowohl strukturell als auch inhaltlich stellen sich nach der intensiven LektĂŒre einige, zum Teil grundsĂ€tzliche Fragen.

Rohde teilt ihre Arbeit in zwei Abschnitte: „Theoretische Grundlagen“ und „empirische Forschungsstrategie“. Doch ein Blick auf die KapitelĂŒbersicht lĂ€sst diese Ordnung ins Wanken geraten: Die ersten Kapitel widmen sich zwar den ĂŒblichen Schritten, bei denen das Untersuchungsdesign und die methodologische Einbettung erlĂ€utert werden, zentrale Begriffe entsprechend dem aktuellen Forschungsstand vorgestellt, sowie Forschungshypothesen formuliert werden. Einiges ist hier sehr schnell abgearbeitet und hĂ€tte mehr ErlĂ€uterung bedurft (bspw. nehmen die Forschungshypothesen nicht einmal eine Seite ein). Angesichts der angekĂŒndigten „theoretischen Grundlagen“ verwundert zudem, dass in diesem Abschnitt auch bereits eine recht ausfĂŒhrliche Rekapitulation der Geschehnisse in Rostock-Lichtenhagen und Mölln enthalten ist, in die auch Interviewsequenzen – und damit eindeutig empirisches Material – einfließen. In Kapitel 7 und 8 wiederum, die Teil der „empirischen Forschungsstrategie“ sind, geht es um die PhĂ€nomenologie des Rechtsextremismus vor und nach der Wende sowie das Konzept der Zivilgesellschaft. Die AusfĂŒhrungen basieren aber weder auf dem empirischen Material der Dissertationsschrift noch auf forschungsstrategischen Überlegungen, so wie die Einordnung laut KapitelĂŒbersicht nahelegen wĂŒrde. Auch das kurze Kapitel 9, mit einem Überblick zur jeweiligen Stadtgeschichte, erschließt sich an dieser Stelle nicht. Zum einen ist der*die Leser*in zu diesem Zeitpunkt bereits gut mit den lokalen und zeitgeschichtlichen Kontexten vertraut und hĂ€tte die relevanten Details der Stadtgeschichte auch an anderer Stelle erfahren können, zum andern bleibt offen, warum der historische Abriss Teil der „empirischen Forschungsstrategie“ ist. Kurz gesagt: Die Struktur der Arbeit ist verwirrend und hĂ€tte einer Bearbeitung bedurft.

Trotz dieser Probleme legt Rohde einen lesenswerten Einblick in die zivilgesellschaftlichen Reaktionsweisen und gesamtgesellschaftlichen Einbettungen der rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Mölln vor. Gerade in den Interviewsequenzen mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen kommen Aspekte zum Vorschein, die die bisherigen WissensbestĂ€nde ĂŒber die VorfĂ€lle 1992 ergĂ€nzen und zugleich relevant sind fĂŒr die nach wie vor aktuelle Frage, wie Rassismus und Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft sinnvoll bekĂ€mpft werden können. Die entsprechenden Passagen finden sich vor allem in Kapitel 5, 8 und 11.

Dennoch enthalten auch die analytischen Kapitel (ab Kapitel 5) einige inhaltliche bzw. methodologische SchwÀchen, die nachfolgend entlang einiger inhaltlicher Zusammenfassungen diskutiert werden.

Kapitel 5 rekonstruiert zunĂ€chst, was in Rostock-Lichtenhagen und Mölln 1992 passierte. So werden die mehrtĂ€gigen pogromartigen Ausschreitungen und gewalttĂ€tigen Übergriffe vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen eindrĂŒcklich geschildert. Dabei kommen Personen zu Wort, die die Situation selbst erlebt haben und ihre EindrĂŒcke von den tagelangen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen schildern. Die Rekonstruktion thematisiert auch recht ausfĂŒhrlich das Versagen von Stadt und öffentlichen Stellen. Daneben zitiert Rohde Rechtsextremismus-Expert*innen wie Hajo Funke und Andrea Röpke, die auf VorlĂ€ufer und KontinuitĂ€ten der rassistischen Gewalt hinweisen. Leider bleibt es aber bei einer punktuellen Bezugnahme auf wissenschaftliche und publizistische Diskussionen, die in den letzten Jahren durchaus differenziert Ursachen und Bedeutung der Tat aufgearbeitet haben (siehe hierfĂŒr bspw. Prenzel 2012 [1], Mohr 2012 [2]).

Parallel zu Rostock-Lichtenhagen rekapituliert die Autorin auch die MordanschlĂ€ge von Mölln. In der Rekonstruktion fragt sie zunĂ€chst nach möglichen Verbindungspunkten zwischen beiden Taten, die aber von den interviewten Expert*innen nicht bestĂ€tigt werden können. Vielmehr eignen sich als direkte Vergleichspunkte fĂŒr Rostock-Lichtenhagen die rassistischen Übergriffe im sĂ€chsischen Hoyerswerda im Herbst 1991 bzw. fĂŒr Mölln der Mordanschlag von Solingen 1993. Obgleich also die beiden Ereignisse keine direkten Verbindungslinien aufweisen, stellt Rohde sehr deutlich eine diskursive Verbindungsstelle der beiden Ereignisse heraus: Die TĂ€ter*innen von Mölln fĂŒhlten sich durch Rostock-Lichtenhagen bestĂ€rkt und zum Handeln aufgerufen (57). Der*die Leser*in erfĂ€hrt weiterhin in der Besprechung des Fall Mölln einiges ĂŒber Verlauf und Inhalt des Gerichtsprozesses, wie etwa der Diskussion um die rechtsextreme Gesinnung der zwei jungen MĂ€nner, die die MordanschlĂ€ge auf zwei von tĂŒrkischen Familien bewohnten HĂ€usern verĂŒbt hatten. Von den fallspezifischen Beschreibungen losgelöst, zeigt Rohde in diesem Kapitel auf, dass Mölln durchaus einen Wendepunkt fĂŒr den gesamtgesellschaftlichen Diskurs ĂŒber rechtsextreme und rassistische Gewalt darstellte (51).

Kapitel 5 endet mit einem zusammenfassenden Vergleich, der leider mit einer an anderer Stelle bereits geĂ€ußerten, verharmlosenden Ursachenbeschreibung fĂŒr Rostock-Lichtenhagen beginnt. So hatte Rohde bereits auf S. 35 im Zuge der insgesamt abwĂ€genden Darstellung einen Hinweis aufgenommen, der als Ursache fĂŒr „Aggression und Ablehnung besonders gegenĂŒber Asylsuchen und AuslĂ€nderinnen und AuslĂ€ndern“ fehlende individuelle Perspektiven der frĂŒheren DDR-BĂŒrger*innen in der Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs benennt. Damit wird ein Ursachen-WirkungsverhĂ€ltnis nahe gelegt, das in jedem Fall unvollstĂ€ndig ist, aber auch eine TĂ€ter-Opfer-Umkehr beinhaltet. Obgleich an anderer Stelle die Verwurzelung von Ressentiments und Abwertung im Alltag zur Sprache kommt, ist die Diskussion damit doch zumindest missverstĂ€ndlich und verkĂŒrzt. Und auch gegen die in der Zusammenfassung gefasste Formulierung in Bezug auf Rostock-Lichtenhagen „Es lief alles schief, was nur schieflaufen konnte.“ (56) muss an dieser Stelle deutlich Einspruch erhoben werden. Es war keine ungĂŒnstige Aneinanderreihung von ZufĂ€llen, sondern ein gewaltsamer Ausbruch (des gesamtgesellschaftlich verankerten) Rassismus, auf den staatliches Versagen folgte. Auch die von Rohde vielfach besprochene inhumane Situation vor der Zentralen Aufnahmestelle fĂŒr Asylbewerber war nicht, wie es einige Passagen des Buches nahe legen, Ursache, sondern allenfalls Katalysator fĂŒr einen gewaltbereiten Rassismus.

Das Kapitel 6 befasst sich mit einer umfangreichen Darstellung der methodologischen Orientierungen, so etwa einer teilnehmenden Beobachtung bei einer Demonstration und Archivarbeiten. Diese Abschnitte hĂ€tten bei der Überarbeitung der Dissertationsschrift stĂ€rkerer KĂŒrzungen bedurft. Gerade die erzĂ€hlenden Episoden ĂŒber An- und Abfahrt der Forschungsaufenthalte sind zwar womöglich zur Darlegung der Methode in einer Dissertationsschrift von Belang, aber als Publikation fĂŒr den*die Leser*in wenig gewinnbringend.

Dagegen umfasst Kapitel 7 eine umfassende Einsichtnahme in die Entwicklung der rechtsextremen Erlebniswelt sowohl in der DDR, der Bonner als auch der Berliner Republik. Gerade die in Archivaufenthalten eingesehenen Dokumente geben ein eindrĂŒckliches Zeugnis ĂŒber den jeweiligen zeitpolitischen Umgang mit Rechtsextremismus.

Kapitel 8 widmet sich sodann der Erinnerungskultur in beiden Orten. Auch hier fĂ€ngt Rohde mit ihren Interviews Perspektiven und lokale Diskurse ein, die fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere Debatte ĂŒber den Umgang mit rechter und rassistischer Gewalt in Deutschland wegweisende Hinweise enthĂ€lt. Stark sind die AusfĂŒhrungen vor allem, weil sie den Akteur*innen weitreichenden Raum fĂŒr ihre Perspektiven geben. Dennoch wĂ€re die ein oder andere Einordnung hilfreich, da die Interviewpartner*innen mitunter Thesen aufstellen oder Narrative bedienen, deren ÜberprĂŒfung wĂ€hrend der Forschungsaufenthalte durchaus möglich gewesen wĂ€re. Schließlich stellt Kapitel 10 die zivilgesellschaftlichen Akteure in den Mittelpunkt. Damit kommt Rohde auf die Ausgangsfrage der zivilgesellschaftlichen Reaktionsweisen auf die rassistischen und rechtsextremen Taten zurĂŒck. Sie charakterisiert hier verschiedene Initiativen, fĂŒr die sie jeweils umfangreiches Interviewmaterial verarbeitet. Die AuszĂŒge sind durchaus interessant zu lesen, auch wenn die Darstellung in einer Aneinanderreihung der Initiativen zu ĂŒberdenken gewesen wĂ€re.

Hinter den zahlreichen gewinnbringenden empirischen Einsichten fĂ€llt das zusammenfassende Fazit der Autorin zurĂŒck. Rohde prĂ€sentiert hier acht Forschungsthesen, die sich aus ihrer Arbeit ableiten. Dabei wechselt sie auf eine makrosoziologische Ebene, welche die Ergebnisse zum Teil trivial erscheinen lassen (z.B. zivilgesellschaftliches Engagement sei nicht selbstverstĂ€ndlich; 228). Hierin offenbaren sich die großen Herausforderungen einer methodischen Orientierung, die gleichzeitig qualitative Datenerhebungs- und Datenauswertungsmethoden verwendet und diese kombiniert mit einer Forschungslogik, die Forschungshypothesen formuliert und ĂŒberprĂŒfen will.

Abschließend bleibt festzuhalten: Rodes Dissertationsschrift ist lesenswert ob der zahlreichen und umfassenden Interviewsequenzen und ethnografischen Beobachtungen aus Rostock-Lichtenhagen und Mölln. Das Buch weist strukturelle und methodologische SchwĂ€chen auf. Am schwersten wiegt aber die teils fehlende SensibilitĂ€t fĂŒr die Funktionsweise rechtsextremen und rassistischen Denkens und Handelns. Eine stĂ€rkere Einbeziehung der Betroffenenperspektive hĂ€tte dem womöglich entgegenwirken können.

[1] Mohr, Markus (2012): Vier Tage im August. Vor 20 Jahren kam es in Rostock-Lichtenhagen zum Pogrom. Standpunkte 12/2012.
[2] Prenzel, Thomas (Hrsg.) (2012): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen der rassistischen Gewalt. Rostocker Informationen zu Politik und Verwaltung, Heft 32.
Franziska Schmidtke (Erfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Franziska Schmidtke: Rezension von: Rohde, Renate: Zivilgesellschaftes Engagement gegen Rechtsextremismus, Eine ethnografische Studie zu Initiativen in Rostock und Mölln. Opladen/Berlin/Toronto: Budrich UniPress . In: EWR 19 (2020), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.09.2020), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386388802.html