EWR 9 (2010), Nr. 3 (Mai/Juni)

LoĂŻc J.D. Wacquant
Bestrafen der Armen
Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit
Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich 2009
(359 S.; ISBN 978-3-86649-188-5; 29,90 EUR)
Bestrafen der Armen In dem hier besprochenen Buch untersucht Loïc Wacquant den Wandel von Wohlfahrtsstaat und Strafsystem in den USA seit den 1970er-Jahren. „Bestrafen der Armen“ – im Original als Punir les Pauvres 2004 erschienen – bildet dabei eine Brücke zu seinem inhaltlichen Vorgänger „Urban Outcasts“ [1], in dem Wacquant die Ursachen und Folgen der extremen Marginalisierung von ausgeschlossenen US-Amerikanern in segregierten innerstädtischen Bezirken untersucht. Im vorliegenden Band analysiert der Autor die Reaktion des „bürokratischen Feldes“ (Bourdieu) auf die von der „Normalisierung der desozialisierten Lohnarbeit“ (26) hervorgerufene wachsende soziale Verunsicherung. Die Durchsetzung der neoliberalen Forderung nach arbeitsrechtlicher Deregulierung wird, so die von Wacquant zugespitzte Kernthese, flankiert von Reformen des Wohlfahrts- und des Strafstaates, die über den Abbau der ohnehin geringen sozialen Absicherung und den Ausbau von Kontroll- und Disziplinierungsinstrumenten das Ziel haben, den Arbeitszwang konsequent durchzusetzen und die „Verwaltung“ der marginalisierten sozialen Gruppen strafrechtlich zu gewährleisten. Dabei handelt es sich für Wacquant um einen von der staatlichen Bürokratie gezielt gesteuerten Prozess, eine „Übung in Staatskunst“ (121), der über die Produktion von politischen Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien auf die Herbeiführung und Stabilisierung der neoliberalen ökonomischen Verhältnisse zielt. In der systematischen Verzahnung von Wohlfahrtsstaat und Strafapparat liegt die besondere Stärke von Wacquants Analysen – sie lässt aber zugleich auch viele Fragen offen.

Wacquant beschreibt im ersten Teil von „Bestrafen der Armen“ die systematische Umstrukturierung des bürokratischen Feldes seit der Mitte der 1970er-Jahre. Dem Ausbau des Gefängnissektors wird der Abbau des Wohlfahrtsstaates zur Seite gestellt. Neben einer rein quantitativen Verschiebung von Ressourcen der resozialisierenden und integrierenden Fürsorge- zur disziplinierenden Straf- und Überwachungspolitik übernimmt der Wohlfahrtssektor zunehmend Kontroll- und Disziplinierungstechniken, die eigentlich dem Strafapparat vorbehalten sind. Ihren Höhepunkt erreicht diese Entwicklung nach Wacquant mit dem 1996 unter der Clinton Administration verabschiedeten „Personal Responsibility and Work Opportunity Act“, durch den das Recht auf Wohlfahrt der Pflicht zur Arbeit weicht. Die Folgen, so Wacquant, sind eine Zunahme und Perpetuierung der Armut bei sinkenden Sozialleistungen und dies trotz stetigen volkswirtschaftlichen Wachstums. Dabei betont Wacquant, dass die Politik der sozialen Einschnitte nur möglich war, da sie von der durch Massenentlassungen in den 1980er-Jahren verängstigten weißen Mittelschicht getragen wurde, die den Sozialstaat als zunehmend ungerecht und die eingesetzten Mittel als verschwendet empfand. So vermutet Wacquant in der seit den Massenunruhen in den 1960er-Jahren zunehmenden Ablehnung des Sozialstaates durch die überwiegend weiße Mittelschicht und Kernwählerschaft vor allem rassistische Motive, da Armut vermehrt als selbstverschuldet und vor allem als Problem marginalisierter schwarzer Bevölkerungsgruppen angesehen wird.

Nach dieser ersten Verortung des Strafrechtsstaates in dem Zusammenspiel von ökonomischer Deregulierung und kontraktiver sowie zunehmend repressiver Sozialpolitik wendet sich Wacquant im zweiten Teil der Entstehung und den Mechanismen des neuen Strafrechtsstaates zu. Dem sprunghaften Anstieg der Inhaftierungsraten stellt Wacquant die Stabilität und letztlich auch den Rückgang der Kriminalität in den wichtigsten Vergehen wie Tötungs-, Raub-, Körperverletzungs- und Eigentumsdelikte gegenüber. Im Gegensatz zum medial überhöhten Eindruck steigender Repression weist Wacquant darauf hin, dass die Bewährung tatsächlich die häufigste Form der Bestrafung ist und somit die mehr oder weniger direkte Kontrolle der Delinquenten im Vordergrund der Reformen des Strafstaates steht. Wie bereits bei der Kontraktion des Wohlfahrtssektors vermutet Wacquant auch hier, dass die Verschärfung der Verbrechensbekämpfung vor allem dazu dient, diejenigen sozialen Gruppen zu überwachen und in Schach zu halten, die dem vom bürokratischen Feld universalisierten Arbeitsethos und den moralischen Vorstellungen der Mittelschicht nicht genügen. Insofern deutet er diese Verflechtung von Wohlfahrts- und Strafrechtspolitik als ein Merkmal der Übung in Staatskunst: Die gerichtlich angeordnete Überwachung großer Teile von marginalisierten Bevölkerungsgruppen – überwiegend jung, männlich und schwarz – führt zu einem Ausbau und einer Vernetzung der Kontrollinstanzen, und die teils unkontrollierte Weitergabe dieser personalisierten Daten führt zu einer weiteren Marginalisierung: Arbeitnehmer stellen Vorbestrafte nicht ein, Vermieter tolerieren sie aus wirtschaftlichen Erwägungen nicht. Dabei arbeitet Wacquant auch hier wieder den Mechanismus der symbolischen Grenzziehungen heraus, etwa wenn er darauf verweist, dass vor allem solche Delikte unter (zunehmend längere Haft-)Strafen gestellt werden, die Teil der Alltagskultur der bereits marginalisierten sozialen Gruppen sind.

Nach der in den ersten beiden Teilen erarbeiteten Analyse der symbolischen und materiellen Komponenten der Transformation des Wohlfahrts- wie des Strafrechtssystems, untersucht Wacquant im dritten Teil die Kämpfe um die Deutungshoheit der Wahrnehmungs- und Realitätskonstruktionen, welche die geschilderte Entwicklung ermöglicht haben. Wacquant geht davon aus, dass die Diskriminierung von Schwarzen eine bedeutende Rolle in der Umdeutung der Funktion des Wohlfahrts- wie des Strafapparates spielt. So sei die verstärkte Inhaftierung junger schwarzer Männer auch Folge der zielgruppenspezifischen Kriminalisierung von deviantem Verhalten. Seine These ist, dass das Gefängnis wie das Ghetto die „materielle Erscheinungsform einer ethnorassischen Schließungs- und Kontrollbeziehung“ (214f.) zwischen (überwiegend weißer) Mittelschicht und (überwiegend schwarzen) Bewohnern heruntergekommener innerstädtischer Bezirke ist. Über Stigma, Zwang, territoriale Eingrenzung und institutionelle Einkapselung der marginalisierten schwarzen Bevölkerungsgruppen erfülle das Gefängnis die historisch zunächst über Sklaverei, später durch legale Diskriminierung und Gettoisierung gewährleistete Funktion der symbolischen und materiellen Rassentrennung.

Jedoch stellt er fest, dass im Gegensatz zu den historischen Vorgängern das Gefängnis keine ausbeutende ökonomische Funktion mehr hat, sondern vielmehr der „Verwahrung“ dieses Teiles der Bevölkerung dient. Die Generierung von Arbeitskräften für prekäre, niedrig entlohnte Beschäftigung hingegen sei die Aufgabe des Minimalwohlfahrtsstaates, der eine weitgehende Kommodifizierung der marginalisierten sozialen Gruppen erlaube. Leider ist das Buch hier nicht wirklich überzeugend, da Wacquant diese weitreichende These nicht systematisch erörtert, sondern vielmehr auf die im Buch durchgängig erwähnte Wahrnehmung von Teilen der schwarzen Bevölkerung als „faul“, „kriminell“, „sexuell enthemmt“ und „verantwortungslos“ verweist. Neben den jungen schwarzen Männern macht Wacquant auch die Sexualstraftäter als bevorzugte Zielgruppe des Strafstaates aus. An ihnen wird gezeigt, inwieweit das Wegsperren zunehmend zum Mittel wird, um Problemgruppen zu verwalten, welche gegen die herrschenden (sexuellen) Normen verstoßen. Die veränderte Wahrnehmung von (Sexual )Delinquenz als individuell veranlagt und unheilbar fördert die (Ressourcen )Verlagerung von der auf Resozialisierung hinwirkenden Politik auf eine mehr oder weniger reine Vergeltungspolitik.

Im vierten und letzten Teil von „Bestrafen der Armen“ untersucht Wacquant die französische Entwicklung des Strafrechtsstaates. Die Adaptierung der Wissenschaftsmythen der „broken window“-Theorie bzw. der „Zero-Tolerance“-Strategien durch das bürokratische Feld führte in Frankreich zu einem ähnlichen Trend steigender Inhaftierungsraten, und auch hier zielen nach Wacquants Darstellungen Gesetzesänderungen mehr auf das Management von Problemgruppen als auf die Integration derselben. Dennoch zeigen sich deutliche Unterschiede. Während die Reaktion auf die wachsende soziale Unsicherheit in den USA zur Aufgabe der Gefängnisse werde, würden in Kontinentaleuropa Gerichte und Polizei diese Funktion erfüllen, so dass diesseits des Atlantiks eher Überwachung und Kontrolle vor der dort dominierenden Vergeltungs- und Aussonderungspraxis als Mittel zur materiellen und symbolischen Bestrafung der Armen herangezogen wird.

„Bestrafen der Armen“ ist ein eindrucksvolles Werk, dessen Stärke vor allem in dem weiten analytischen Rahmen von Wacquant liegt. Die forschungstragende Verbindung symbolischer Kämpfe und materieller Verhältnisse sowie die Verquickung des Straf- und des Sozialstaates als zwei Facetten eines bürokratischen Feldes, ermöglichen dem Leser nicht nur einen tiefen und äußerst kritischen Einblick in die gegenwärtige Lage der US-Gesellschaft, sondern auch in die Funktionsweise gesellschaftlicher Herrschaftsbeziehungen. Jedoch wird der in vielen Formulierungen Wacquants bereits vorweggenommene Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des neoliberalen ökonomischen Systems und der Entwicklung des bürokratischen Feldes nicht systematisch nachgezeichnet. Darüber hinaus ist zu kritisieren, dass verschiedene Ungleichheitsdimensionen wie ethnische und soziale Herkunft analytisch (Subproletariat) verschwimmen und zum Beispiel eine nach Geschlecht getrennte Perspektive nur sehr selten eingenommen wird. Allerdings kann man hier auch auf andere Arbeiten des Autors verweisen.

Insgesamt steuert Wacquants kritische Analyse einen wichtigen Beitrag zur Debatte um die Wende in der Strafrechtspolitik und die Entstehung der Sicherheitsgesellschaft bei. Ein prominenter Vertreter ist Garland mit „The Culture of Control“ [2], dessen Analyse der kulturellen Veränderungen, die zur Sicherheitsgesellschaft führen, Wacquant deutlich erweitert, indem er der staatlichen Bürokratie ihren Platz als gestaltenden Akteur zuweist. Wacquant erweitert die kriminologische Perspektive Garlands, in der der Wohlfahrtsstaat nur eine marginale Rolle spielt, indem er den Sozial- und den Strafapparat nicht als getrennte Bereiche staatlichen Handelns ansieht, sondern sie als zwei Teile eines, freilich durch die föderale Struktur der Vereinigten Staaten hoch fragmentierten, bürokratischen Feldes konzipiert.

[1] Wacquant, LoĂŻc J.D. (2007): Urban Outcasts. A Comparative Sociology of Advanced Marginality. Cambridge: Polity Press.

[2] Garland, David (2001): The Culture of Control: Crime and Social Order in Contemporary Society. Chicago: University of Chicago Press.
Florian R. Hertel (Bremen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Florian R. Hertel: Rezension von: Wacquant, LoĂŻc J.D.: Bestrafen der Armen, Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit.. Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.06.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386649188.html