EWR 9 (2010), Nr. 5 (September/Oktober)

Martin Trenk
Weiße Indianer
GrenzgÀnger zwischen den Kulturen in Nordamerika.
Wismar: Persimplex Verlag 2009
(323 S.; ISBN 978-3-9405-2874-2; 24,80 EUR)
Weiße Indianer Kulturelles GrenzgĂ€ngertum ist ein konstituierendes Merkmal heutiger multi-kultureller Gesellschaften. Die Diskussion dieser Thematik am Beispiel Weiße und Indianer in Nordamerika ist nur scheinbar eine Reminiszenz an simple Indianer-Euphorie. TatsĂ€chlich verbirgt sich dahinter ein vertiefender Blick auf MultikulturalitĂ€t, Kulturwandel, Sozialisations- sowie Lern- und Bildungsprozesse. In dieser Weise arbeiten die Autoren der BeitrĂ€ge an biographisch-ethnopĂ€dagogischen Themenkomplexen. Die nachfolgende Rezension sieht sich in diesem Umfeld.
Um es vorwegzunehmen, seit langem ist mir keine so spannende und kenntnisreiche LektĂŒre zu dieser Thematik begegnet.

Die Publikation ist aus einem Projektseminar an der UniversitĂ€t Frankfurt/Main hervorgegangen. Die Kapitel sind historisch fundiert, beginnend bei den französisch-kanadischen WaldlĂ€ufern seit dem 17. Jahrhundert ĂŒber die Indianisierung weißer Gefangener, weiße und irokesische Pendler, kulturelle ÜberlĂ€ufer/Utopisten, Squaw Men, gewaltsam Adoptierte, kĂŒnstlerische bzw. wissenschaftliche Romantiker, bis zu den indigenen Probanden Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert. Die Kapitel beginnen jeweils mit einer Grundlegung, bevor ausgewĂ€hlte Personen skizziert werden. Neben wichtigen historischen Abhandlungen und Reiseberichten greift man vor allem auf biographische Quellen zurĂŒck. Der Anhang enthĂ€lt eine Bibliographie ĂŒber die Schriften der weißen Indianer; ein Register ĂŒber weiße und indianische GrenzgĂ€nger; das Literaturverzeichnis.

Im Mittelpunkt der systematischen Aspekte des Themas steht die „Faszina-tionsgeschichte“ indianischer Lebenswelten. Warum gab (und gibt) es so viele ÜberlĂ€ufer von Weiß nach Rot, aber wenige in umgekehrter Richtung, obwohl doch die europĂ€ischen Invasoren von ihrer Überlegenheit so ĂŒberzeugt waren? Wie kommt es, dass ein Gutteil der gewaltsam Adoptierten eine RĂŒckkehr ablehnte? Lassen sich Push- und Pullfaktoren unterscheiden? Welche Konsequenzen hatte das GrenzgĂ€ngertum fĂŒr die Betroffenen? Welche HintergrĂŒnde haben zeitgenössische Urteile ĂŒber die ausgewĂ€hlten Akteure? Wie sehen sich die Akteure selbst, welches kulturelle Selbstbild lĂ€sst sich bei ihnen erkennen?

Der Navajo-Krimi-Autor Tony Hillerman lĂ€sst in seinem Roman „Talking God“ einen ArchĂ€ologen auftreten, der von sich behauptet, auch ein Indianer zu sein. Andreas Renner hat in den 1990er Jahren den in Deutschland weilenden Navajo Vergil Bedoni nach dem Verhalten dieser Figur befragt und folgende Antwort bekommen: „Diese Art von Leuten haben wir bei uns. Es gibt jedes Jahr mehr davon. Sie geben sich die grĂ¶ĂŸte MĂŒhe, sich mit unseren Leuten anzufreunden, mit einer Familie, ein MĂ€dchen kennen zu lernen, [
] eines zu heiraten. [
] Manchmal werden Weiße auch akzeptiert, vielleicht, aber nicht völlig. [
] auch wenn ein Weißer sagt, dass er ein Teil der Familie ist. [
] Auch wenn der Weiße alles hat, ein Auto, einen guten Job und fĂŒr seine Familie sorgt, zu den Zeremonien geht, viel hilft, auch wenn er all das tut, glaube ich nicht, dass er jemals völlig akzeptiert wird. [
] Deshalb leben viele Leute, die gemischtrassige Ehen fĂŒhren, oft außerhalb des Reservats.“

Dieses Beispiel suggeriert, eine völlige Indianisierung sei nicht möglich, das Fremdsein unĂŒberbrĂŒckbar. Hier spiegelt sich auch Misstrauen gegenĂŒber einer nicht einsehbaren Fremdsozialisation. Die Antworten der Autoren im vorliegenden Werk bedienen dieses Modell nicht so einfach, sie sind vielmehr um eine vielfĂ€ltige Differenzierung bemĂŒht. Zu den spannendsten Erscheinungen im GegenĂŒber von Weiß und Rot zĂ€hlt die Anpassung französischer Einwanderer an die Lebensweise indigener Völker, und es sind nicht nur die WaldlĂ€ufer, sondern auch die Siedler, die offensichtlich wenige BerĂŒhrungsĂ€ngste kennen. Darin unterscheiden sie sich deutlich von anderen Einwanderernationen. Wie tief sich die Akteure tatsĂ€chlich auf die fremde Kultur einließen, einlassen konnten, war damals und ist teilweise heute noch umstritten, wie die ausgewĂ€hlten Beispiele (BrulĂ©, Saint-Castin) deutlich machen. Wichtig ist, dass hier die Autoren zur Differenzierung der ĂŒberlieferten Beurteilungen beitragen. Selbstzeugnisse der Akteure aus dieser Zeit fehlen leider, aus denen man Hinweise auf Art und Grad der Indianisierung hĂ€tte erhalten können. Im puritanischen Umfeld hat man das „Verwildern“ der Franzosen jedenfalls als abscheulich gebrandmarkt.

Die Texte von Jemison und Smith, als Gefangene unfreiwillige GrenzgĂ€nger, und beide keine Franzosen, gelten als bekannteste persönliche Dokumente aus dieser Zeit. In ihrer Gesamtheit betrachtet, zeigen sie ein recht differenziertes Bild ihrer Adoptiv-Gesellschaften, zeigen, wie Adoption, Initiation die Grundlagen einer kulturellen Umerziehung sind, die Indianisierung zur Folge haben. Sie sei von den Frauen ihrer Familie „immer als richtige Schwester angesehen und behandelt worden, als wĂ€re ich von ihrer Mutter geboren“, kennzeichnet Mary Jemison ihre familiĂ€re Integration. Von der Integration zur Identifizierung fĂŒhrte ihre Entwicklung. Das beweist die Tatsache, dass sie in ihren spĂ€ten Jahren, durch die Landverluste der Seneca von weißen Siedlern umgeben, ihr Anwesen verkaufte und ins Buffalo Creek Reservat zu ihren Leuten zog.

Ganz anders John Tanner, nach 30 Jahren zu seiner Familie zurĂŒckgekehrt, findet er sich als Außenseiter wieder. Um anerkannt zu werden, wird er AnfĂŒhrer einer rabiaten Grenzermiliz gegen die Indianer. Seine Erinnerungen, nach 40 Jahren publiziert, sind dennoch ein Dokument indianischer Menschlichkeit. Schließlich der Fall der von Miamis entfĂŒhrten Frances Slocum. Nach 60 Jahren erleben ihre Verwandten das Beispiel einer eigentlich unfassbaren unumkehrbaren Indianisierung, was sie zu „verlorenen Schwester“ macht. Die Autoren arbeiten gegen diese Legende und zeigen, wie ihr Kontakt zu den weißen Verwandten keine SentimentalitĂ€ten beinhaltet, vielmehr die Vertreibung ihrer indianischen Landsleute verhindern will.

Das vierte Kapitel widmet sich britischen und irokesischen GrenzgĂ€ngern, die im 18./19. Jahrhundert die komplexen Beziehungen zwischen Irokesen, Briten, Amerikanern, Franzosen nutzten, um politische und auch persönliche Interessen zu verfolgen. Da sind der Brite William Johnson, der sich von den Mohawk adoptieren ließ; der Mohawk Joseph Brant mit englischer Schulbildung; dessen Schwester Molly, schließlich Ehefrau von Johnson; der Schotte John Norton, irokesischer Sachem. Zu ihren Charakteristika gehört das bewusste Pendeln zwischen den Fronten. Und das konnten sie nur aufgrund ihrer zumindest partiellen Anpassung an die jeweils andere Kultur. Deshalb lĂ€sst sich ihr kulturelles Selbstbild nicht ganz einfach bestimmen. Der Mohawk Joseph Brant, treuer UnterstĂŒtzer der Briten, bewahrt sich einen kritischen Blick auf seine BĂŒndnispartner. König George III. habe er entgegengehalten: „Unterlasst es andere Völker Wilde zu nennen, solange ihr ums Zehnfache mehr Kinder der Grausamkeit seid als sie.“ Am Ende scheitert Brant mit seinem Versuch, den Irokesen ihre Landrechte zu sichern, ungeachtet seiner unverbrĂŒchlichen UnterstĂŒtzung der britischen Expansionspolitik. Fraglich auch, ob es ihm bewusst war, wie er mit der Forcierung der Missionierung, die irokesische Kultur aufs Spiel setzte? Der Fall des indianisierten John Norton zeigt dagegen Grenzen kultureller Konversion.

Auf den Spuren kultureller ÜberlĂ€ufer befasst sich das fĂŒnfte Kapitel neben einer detailreichen grundsĂ€tzlichen Darstellung mit den Protagonisten C.G. Priber aus Sachsen und John Dunn Hunter, der mit zwei Jahren in indianische Gefangenschaft geriet. Aber gerade diese beiden waren nicht nur indianisierte ÜberlĂ€ufer, sie hatten vielmehr auch revolutionĂ€re Ideen mit sozialutopischem Beiwerk im GepĂ€ck. Darin ging es vor allem um UnabhĂ€ngigkeit der indigenen Völker, insbesondere der Cherokee, von den Kolonialherren. Und es wird eindrĂŒcklich herausgearbeitet, wie die Machthaber in den Sklavenhalterstaaten des SĂŒdens mit allen Mitteln derartige Versuche bekĂ€mpften, die Akteure verfolgten, einsperrten, umbringen ließen. Die Geschichtsschreibung ist bis heute durch verzerrte Darstellung gekennzeichnet. So liest man in einem Standardwerk ĂŒber die Cherokee (Woodward), Priber sei einer jener „Frenchmen“ gewesen, der die Cherokee Hass gegen die EnglĂ€nder gelehrt habe.

Das folgende Kapitel thematisiert eine spezielle Personengruppe der amerika-nischen Frontier, die Squaw Men, ein Schimpfwort fĂŒr weiße MĂ€nner mit indianischen Frauen. Squaws hielt man fĂŒr Frauen zweiter Klasse. Heutzutage gilt das Algonkin-Wort Squaw als rassistisch. TatsĂ€chlich haben sich Trapper, HĂ€ndler, Farmer, Agenten sehr hĂ€ufig mit indianischen Frauen verbunden, nicht immer mit ehrenwerten Absichten. Abgesehen davon, dass in den Grenzregionen Frauenmangel herrschte, gab es wirtschaftliche GrĂŒnde, Frauen aus benachbarten StĂ€mmen zu ehelichen. James McLaughlin, Indianer-Agent im Standing Rock Reservat, mit halbblĂŒtiger Dakota-Frau, war einer davon, im Übrigen Hauptgegner von Sitting Bull und seinen Versuchen, unabhĂ€ngig zu bleiben. Im Gegensatz zur Bewertung in diesem Kapitel zeigen u.a. die von McLaughlin selbst mitgeteilten Details ĂŒber seine AktivitĂ€ten als „treaty-maker“ bei Indianern verschiedener StĂ€mme, dass er entgegen seiner Behauptung keineswegs „Freund des Indianers“ war. Immer wieder heißt es dort, die Indianer seien unbedarft, leichtglĂ€ubig (simple-minded: 270, 294, 310).

Interessanterweise lebten beide Protagonisten unter den Crows, einem der prominenten Plains-StĂ€mme. Und beide haben ausfĂŒhrliche Autobiographien hinterlassen. HĂ€ufig werden solche Texte als unglaubwĂŒrdig abgetan, ohne dass ihre Potenziale biographieforscherisch ausgeschöpft wurden. Was Jim Beckwourth angeht, so hat er sich in seinen umfangreichen und ausfĂŒhrlichen Erinnerungen durchaus mit seinem Status zwischen den Kulturen auseinandergesetzt. So berichtet er zum Beispiel, in der britischen Ausgabe von 1892 von seiner Adoption bei den Crow und eigenen, damit verknĂŒpften Absichten: „Auf diese Weise begann mein Leben bei den Crow. Ich sagte zu mir selbst, ‚ich kann unbehelligt in ihren FlĂŒssen Fallen stellen, mehr Profit unter ihrem Schutz machen als unter den eigenen Leuten’ (135), den Trappern, mit denen er unterwegs war. Bei Thomas Leforge, dem zweiten Crow-Squaw-Man im vorliegenden Band, findet sich eine Erinnerung an Beckwourth: „The Crow regarded him as a very capable man. [
] They knew him as ‚Antelope’.“

Die wechselseitigen Absichten und Wahrnehmungen wĂ€ren in der Tat ein spannendes Untersuchungsfeld fĂŒr weitere Forschungen.

Die Comanche haben gewaltsame Adoptionen zum Ausgleich ihrer Verluste als Reiterkrieger besonders extensiv praktiziert. Kapitel 7 exemplifiziert dies an den Beispielen Cynthia Ann Parker und Herman Lehmann. So unterschiedlich deren Lebensgeschichten auch sein mögen, frappierend bleibt die trotz der EntfĂŒhrungserfahrung erfolgende vollstĂ€ndige Indianisierung, Zeitgenossen hielten das fĂŒr eine unbegreifliche Verirrung, angesichts des DĂŒnkels zivilisatorischer Überlegenheit. UnĂŒbersehbar scheint hier jedoch, dass frĂŒhkindliche Enkulturations- und Sozialisationsprozesse nicht unumkehrbar sind. Auch die psychoanalytische Schule spricht heutzutage davon, „dass es nicht die Schicksale der frĂŒhen Kindheit, sondern diejenigen der Adoleszenz sind, die die Einstellung des Individuums zur Kultur bestimmen“ (Erdheim). Cynthia Ann mit neun und Herman mit elf Jahren sind in dieser Hinsicht genau im „richtigen“ Alter. Trotz der Traumata der gewaltsamen EntfĂŒhrung suchen sie nach Orientierung und da boten traditionelle indianische Gesellschaften interessante alternative Lebensweisen. Die Verwandten, die Cynthia Ann ihrer Identifikationskultur wieder entrissen haben, sehen tatenlos zu, wie sie sich abkapselt, allen Anpassungsversuchen sperrt, sich nicht ĂŒber ihr Leben bei den Comanche Ă€ußert. Eigentlich lĂ€sst man sie und ihr Kind zugrunde gehen, unfĂ€hig, andere Lebensweisen als die eigene als „echtes“ Leben zu akzeptieren. Im Vergleich verliefen die Enkulturationsprozesse von Herman Lehmann deutlich problemloser.

Zivilisationsflucht und ÜberlĂ€ufertum sind das Thema des 8. Kapitels. Im Kern geht es hier um die Fragen: Welchen Bestand haben die ideellen Vorstellungen der Akteure in der RealitĂ€t fremder Lebenswelten? Auf welche Resonanz treffen ihre Vorstellungen in ihren imaginierten Welten?

Schon der berĂŒhmte Gauguin hat sich zu beiden Aspekten geĂ€ußert. „Ich fuhr weg, um zwei Jahre Ă€lter – um 20 Jahre verjĂŒngt, mehr Barbar auch, aber doch mehr wissend“, schreibt er in seinem Tagebuch Noa Noa. Er hat sich auch anhören mĂŒssen, dass EuropĂ€er zwar versprĂ€chen, fĂŒr immer zu bleiben, aber dann doch weggingen und nicht wiederkĂ€men. Was genau wollen diese Fremden eigentlich?

Frank Hamilton Cushing hatte gehofft, „bedingt durch hĂ€usliche Eintracht, die mich (bei den Zuni) umgaben, ein langersehntes soziales Utopia gefunden“ zu haben (122). Knallharte Auseinandersetzungen des Gouverneurs mit seinem Schwager stehen fĂŒr das Gegenteil. Cushings Weigerung, sich zu verehelichen, bringt ihm den Vorwurf ein, er sei kein Zuni und habe vor, nach Washington zurĂŒckzukehren (128).

Interessant sind die Analysen des Kapitels auch im Hinblick auf Cushings Renommee als Ethnologe, insbesondere im Hinblick auf Zuni-Wissenschaftler. Sie bezweifeln, dass er ĂŒberhaupt etwas gewusst habe, nichts als ein „Wannabe“ sei. Auch das Misstrauen weißer Ethnologen gegen-ĂŒber dem ÜberlĂ€ufer hĂ€lt sich bis heute. TatsĂ€chlich wurden Cushings Arbeiten ĂŒber die Zuni schon frĂŒh wahrgenommen.

Action Anthropology ist heutzutage ein Forschungszweig der Ethnologie, der sich ausdrĂŒcklich zur Einmischung im Sinne der Erforschten bekennt. Karl H. Schlesier ist einer ihrer BegrĂŒnder und Akteure. Seine Arbeiten ĂŒber, mit und fĂŒr die Cheyenne haben ihn wohl auch zum Cheyenne gemacht. Mehrfach trat er beim Federal Court als expert witness fĂŒr die Cheyenne auf.

WĂ€hrend die bisher genannten Akteure im eigentlichen Sinne nicht als Gescheiterte angesehen werden können, trifft das fĂŒr den Maler Rudolph Friedrich Kurz wohl eher nicht zu, wie Kapitel 8.2 eindrucksvoll darstellt. Nicht nur, dass seine Ehe mit einer Iowa in die BrĂŒche geht, weil er deren kulturell-familiĂ€ren Zusammenhalt nicht nachvollziehen kann, im Grunde ist er jener Lebenswelt nicht gewachsen, fĂŒr die er so romantisch geschwĂ€rmt hat. Schließlich kehrt er wieder in seine Schweizer Heimat zurĂŒck, wo er in Bern als Zeichenlehrer arbeitet. Einer seiner SchĂŒler erinnert sich, wie sehr er bewundert wurde, wenn er von seinen Abenteuern im Westen erzĂ€hlte.

Das vorletzte Kapitel befasst sich mit indigenen GrenzgĂ€ngern in Nordamerika. Eine sehr kenntnisreiche und historisch angelegte Einleitung zeigt neben den Problemen, die indigene ÜberlĂ€ufer unter ihren eigenen Leuten hatten, die Voreingenommenheit und Unerbittlichkeit „zivilisierter“ Landnehmer. Selbst eine gelungene kulturelle Metamorphose der Indigenen Ă€ndert nichts an ihrer Diskriminierung. Interessant sind sie nur als KuriositĂ€ten, als Helfer zur UnterstĂŒtzung „weißer“ Interessen. Selbst prominente Ethnologen scheuten sich nicht, ihre Informanten zu „Objekten“ zu degradieren und auf diese Weise zu hintergehen oder sie zu diskriminieren, wie es Henry Rowe Schoolcraft am Beispiel John Tanners praktiziert. Vielen GrenzgĂ€ngern ist das Schicksal als Außenseiter in beiden Kulturen nicht erspart geblieben; ein Thema, dass sich auch in der aktuellen Migrationsforschung widerspiegelt.

Das letzte Kapitel resĂŒmiert Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel und versucht, an weiteren Beispielen Merkmale im Umfeld des GrenzgĂ€ngertums herauszuarbeiten. Viele indigene Völker, und nicht nur die nordamerikanischen, waren Fremden gegenĂŒber unbefangen, Hautfarbe und Herkunft spielten keine Rolle. Kombiniert mit der bei vielen StĂ€mmen gĂ€ngigen Adoptionspraxis, ergaben sich in Nordamerika optimale Voraussetzungen fĂŒr GrenzgĂ€nger. Was es aber fĂŒr die einzelnen Akteure bedeutete, sich partiell oder ganz kulturell angepasst zu haben, das hing und hĂ€ngt von vielen Faktoren ab, begrĂŒndet sowohl in den Herkunfts- und Ankunftsgesellschaften als auch in Persönlichkeitsmerkmalen. Bei der Beurteilung ihrer kulturellen IdentitĂ€t, ihrer Selbstbilder können Schriften solcher Akteure sehr aufschlussreich sein. Vielleicht kann man sagen, dass Akteure, die mit ideal-utopischen Vorstellungen Fremdkontakte gesucht haben, am ehesten Gefahr liefen, enttĂ€uscht zu werden. Die in diesem Buch im Mittelpunkt stehenden Wechselbeziehungen von Innen- und Außenfaktoren des GrenzgĂ€ngerlebens, machen es besonders informativ.

Ich wiederhole mich gerne, das vorliegende Werk von Marin Trenk und seinen Mitarbeitern ist das spannendste Buch ĂŒber kulturelle GrenzgĂ€nger, das der Rezensent kennt. Kenntnisreich und detailliert ermöglicht es Einblicke in die lebensgeschichtlichen Folgen fĂŒr Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig zu kulturellen GrenzgĂ€ngern geworden sind. Erziehungswissenschaftlich ist es interessant, weil es Einblicke in ganz besondere Sozialisations- und Enkulturationsprozesse bietet und weil die Frage nach den gesellschaftlichen Grenzen und deren Überschreiten sich angesichts globaler Migrationsporozesse mit unverminderter Dringlichkeit stellen
Erich Renner (Erfurt / Insheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Erich Renner: Rezension von: Trenk, Martin: Weiße Indianer, GrenzgĂ€nger zwischen den Kulturen in Nordamerika.. Wismar: Persimplex Verlag 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 5 (Veröffentlicht am 13.10.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978394052874.html