EWR 18 (2019), Nr. 4 (Juli/August)

Sammelrezension zur Theorie der trilemmatischen Inklusion

Mai-Anh Boger
Die Methode der sozialwissenschaftlichen Kartographierung
Eine Einladung zum Mitfühlen – Mitdiskutieren – Mitdenken
Münster: edition assemblage 2019
(165 S.; ; 41,59 EUR)
Mai-Anh Boger
Subjekte der Inklusion
Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitfühlen
Münster: edition assemblage 2019
(224 S.; ISBN 978-3-96042-055-2; 16,00 EUR)
Mai-Anh Boger
Politiken der Inklusion
Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdiskutieren
Münster: edition assemblage 2019
(172 S.; ISBN 978-3-96042-054-5; 14,00 EUR)
Mai-Anh Boger
Theorien der Inklusion
Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdenken
Münster: edition assemblage 2019
(425 S.; ISBN 978-3-96042-056-9; 24,00 EUR)
Die Methode der sozialwissenschaftlichen Kartographierung Subjekte der Inklusion Politiken der Inklusion Theorien der Inklusion „Inklusion“ ist seit vielen Jahren ein aus der pädagogischen Fachdiskussion, aber auch aus der Bildungspolitik nicht mehr wegzudenkender, schillernder wie umstrittener Begriff. Die Debatte um ihn ist zum Teil von heftigen inhaltlichen Differenzen geprägt. Mai-Anh Boger situiert ihre vierbändige Theorie der trilemmatischen Inklusion inmitten dieser Differenzen und stellt die scheinbar schon so oft beantwortete Frage: „Was ist Diskriminierung? Und was kann man dagegen tun?“ bzw. positiv gewendet: „Was ist Inklusion?“ (S13)[1]. Das Forschungsinteresse der Arbeit ist es dabei nicht, einen neuen Diskriminierungs- oder Inklusionsbegriff zu (er)finden. Boger setzt voraus, dass es genügend Theorien gäbe, die sich diesen Fragen widmen, mit unterschiedlichen, zum Teil sehr gegensätzlichen Antworten. Woran es aber mangle, sei eine Synthese dieser Theorien, es bestehe ein „Theoriesynthesedefizit“ (T25). Diesem Problem Abhilfe zu schaffen ist das Anliegen der Arbeit.

Dies unternimmt Boger, indem sie mit der Methode der Rhizombildung nach Deleuze und Guattari eine Karte der subjektiven, politischen und theoretischen Facetten von Inklusion erarbeitet. Diese stellt, anders als ideengeschichtlich oder genealogisch orientierte Arbeiten, nicht die spezifisch eigenen, trennenden Aspekte der unterschiedlichen Inklusionskonzepte dar, sondern arbeitet die vielfältig möglichen Verknüpfungen verschiedener Zugänge heraus. Methodisch überzeugt dieser Zugang, denn entstanden ist ein Text, der es Leser*innen ermöglicht, durch die Darstellung dieser Verkettungen die Komplexität der Diskussionen um Inklusion neu wahrzunehmen.

Getragen wird die Reihe von der Ausdifferenzierung der These, dass das Begehren danach, nicht diskriminiert zu werden, selbstwidersprüchlich bzw. dissonant sei und sich an „drei Knotenpunkte[n] […] regelhaft verdichtet“ (T7). Inklusion trete demnach als Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion in Erscheinung. Trilemmatisch sei Inklusion, da je nur zwei dieser Knotenpunkte gleichzeitig angenommen werden können, der je dritte sei dann logisch ausgeschlossen. So könne sich eine Inklusionspolitik beispielsweise gleichzeitig auf das Empowerment einer Gruppe und deren gesellschaftliche Normalisierung beziehen, dann jedoch nicht gleichzeitig auf die Dekonstruktion ihrer entsprechenden Identitäten. Da – wie sie in der Arbeit an zahlreichen Beispielen nachweist – für unterschiedliche Subjekte, aber auch in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Verbindungen dieser Knotenpunkte diskriminierende oder inkludierende Effekte haben, geht Boger davon aus, dass die Widersprüche der Inklusion nicht zu tilgen seien: „Statt es konsistent machen zu wollen, muss man zeigen, warum es nicht konsistent zu machen ist.“ (S17)

Diesem Unternehmen wird, neben dem leider nur digital erschienenen Methodenband (Band 1), in drei Büchern, die sich dem subjektiven Begehren, nicht diskriminiert zu werden (Band 2), den unterschiedlichen Positionen antidiskriminatorischer Politiken (Band 3) und schließlich den theoretischen Diskussionen um Inklusion(spädagogik) (Band 4) widmen, nachgegangen.

Im zweiten Band stellt Boger anhand der Auswertung von vier Interviews die selbstwidersprüchlichen subjektiven Begehrensstrukturen dar und verdichtet sie in, im Trilemma verortbaren, „Begehrensankern“. Diese abstrahieren die konkreten Erfahrungen aus den Interviews zu Formulierungen wie: „Inklusion bedeutet, die Deutungshoheit über das eigene Leben zu bewahren, sich gegen die Vereinnahmung durch Gruppenbezeichnungen und Kollektivdeutungen zur Wehr setzen zu können und zu einer selbstbestimmten Erzählung des eigenen Lebens kommen zu können“ (S124). Dem Untertitel dieses Bandes folgend, geht es darum, den Leser*innen das Mitfühlen dieser dissonanten Begehren zu ermöglichen und der pädagogischen Reflexion zugänglich zu machen.

Der dritte, an ein aktivistisches Publikum gerichtete, Band kartiert die Diskussionen und Sackgassen antidiskriminierender Politiken. Er soll als „Übungsbuch für strategische Abwägungen“ (P17) für die politischen Auseinandersetzungen um Inklusion dienen. Hier, wie in der gesamten Reihe, beeindruckt Bogers kritischer und solidarischer Schreibstil, der die Schwachstellen und Probleme der jeweiligen politischen Konzepte ausleuchtet. Dies geschieht jedoch nicht, um sie zu disqualifizieren, sondern auf deren Grenzen zu deuten, die gleichzeitig die Einsatzstellen für ihre Verknüpfung mit anderen Ansätze bilden.

Die in Band 2 vorgestellten „Begehrensanker“ werden in Band 4 wieder aufgegriffen und mit „Wurzelstücken“ in Beziehung gesetzt, die je unterschiedliche Momente einer auf sie reagierenden inklusionspädagogischen Haltung formulieren. Dabei fassen diese Wurzelstücke die Aporien, die in unterschiedlichen Paradigmen der Inklusionsforschung – auch hier wieder im der Form des Trilemmas – bestehen, zusammen. Ein Beispiel: „Die Inklusionspädagogin sagt nicht gern „Förderung“ und vor allem kommt es ihr falsch vor, eine solche „beantragen“ zu müssen; sie tut es aber sehr gerne für ihre Kinder.“ (T407) Jenseits dieser pointierten Formulierungen, die das Buch auch für die Lehre interessant machen, werden die zentralen gegenwärtigen Theoriediskussionen um Inklusion intensiv ausgeleuchtet und im Trilemma verortet. Trotz, oder besser: aufgrund des normativen Anspruchs Bogers, eine Theorie vorzulegen, die nicht nur von Inklusion handelt, sondern sich dieser auch verpflichtet fühlt, bleiben Theorien, die nach ihrer Lesart keine „macht- und herrschaftskritischen Impulse verfolgen“ (T9) unberücksichtigt.

Die Bände lassen sich je als eigenständige Monographien lesen, entfalten ihre volle Wirkung aber erst im Zusammenspiel. Jeder Band verfügt über eine kurze Einleitung, die sowohl die, die Reihe einigenden, Basisthesen als auch die für jeden Band spezifischen empirischen Thesen zusammenfasst. Die Bände zu Politik und Theorie verfügen darüber hinaus über einen „Kompass“ (P35) bzw. eine „Gebrauchsanweisung“ (T27) für die Leser*innen. Trotz des hohen methodischen und theoretischen Anspruchs sind die Texte – zumindest für akademisch vorgebildete Leser*innen – zugänglich geschrieben. Denn auch wenn Mai-Anh Boger in der „Gebrauchsanweisung“ zu ihrem Theorieband schreibt, sie würde „disauktorial“ in ihrem „Rhizom verschwinden“ (T35) bleibt sie als Reiseführerin durch ihre Karten präsent. Zentrale Inhalte werden in Abbildungen visualisiert oder in Übersichten zusammengefasst. Zahlreiche Beispiele, Anekdoten und gut nachvollziehbare Erklärungen machen selbst avancierte Theoriepositionen verständlich. Das Lesen – oder das Durcharbeiten – der Bände zwingt unvermeidlich zur Selbstreflexion und zum Weiterdenken. Das „Benutzen“ der Bücher, zu dem Boger die Leser*innen einlädt (M98), geschieht unabwendbar. Alle vier Bände demonstrieren, dass der Forschungsgegenstand Inklusion auch einer inklusiven Methodologie und Wissenschaftskultur bedarf, die sich weniger in Abgrenzungskämpfen erschöpfen, als in der Verbindungssuche bereichern könnte und macht deutlich, wie produktiv das Überwinden disziplinärer Grenzziehungen sein kann. Die Motivation dazu muss freilich aus einer mit Boger geteilten Grundposition heraus erfolgen: Dem ethischen und machtkritischen Impuls, Diskriminierung in all ihren Erscheinungsformen entgegen zu treten. Leser*innen, die diese Perspektive nicht teilen, werden mit ihrem Ansatz Schwierigkeiten haben.

[1] Zur Zuordnung der Zitate zu den Bänden, die je eine eigene Seitenzählung haben stehen Großbuchstaben vor den Seitennummern: M für Band 1, S für Band 2, P für Band 3 und T für Band 4.
Robert Pfützner (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Robert Pfützner: Rezension von: Boger, Mai-Anh: Die Methode der sozialwissenschaftlichen Kartographierung, Eine Einladung zum Mitfühlen – Mitdiskutieren – Mitdenken. Münster: edition assemblage 2019. In: EWR 18 (2019), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/ueberblick2003-11.html