EWR 5 (2006), Nr. 5 (September/Oktober 2006)

Louis Henri Seukwa
Der Habitus der Überlebenskunst
Zum VerhĂ€ltnis von Kompetenz und Migration im Spiegel von FlĂŒchtlingsbiographien
(Bildung in Umbruchsgesellschaften; Bd. 5)
MĂŒnster, New York, MĂŒnchen, Berlin: Waxmann 2006
(278 S.; ISBN 3-8309-1619-1; 24,90 EUR)
Der Habitus der Überlebenskunst Der neue von den Vereinten Nationen herausgegebene, und nun in deutscher Sprache vorliegende, Weltbevölkerungsbericht 2006 macht unmissverstĂ€ndlich klar, dass noch nie zuvor in der Geschichte so viele Menschen ihr Land verlassen haben. Weltweit gezĂ€hlt wurden 191 Millionen Migranten bzw. FlĂŒchtlinge. Zugleich zeigt der neue Report auch eine verĂ€nderte Perspektive der Berichterstattung auf: Flucht und Migration werden nicht lĂ€nger als isoliertes Problem eines Staates oder einer einzelnen Einwanderergruppe verstanden. Es handelt sich dabei lĂ€ngst um ein globales PhĂ€nomen, das nur in einer weltgesellschaftlichen Dimension zu verstehen ist und zu lösen wĂ€re.

Von dieser Sichtweise scheint man hierzulande noch unendlich weit entfernt. Wer sich den so genannten „nationalen Integrationsgipfel“ vergegenwĂ€rtigt, der von der Bundesregierung vor allem angesichts der Vorkommnisse in einer Berliner Hauptschule initiiert wurde, wird schnell feststellen, dass diese Form symbolischer Politik an den eigentlichen Problemen sowohl der FlĂŒchtlinge und Migranten als auch der Aufnahmegesellschaft vorbei geht.

Besonders im Bildungssystem wird die PrĂ€senz von Migranten und FlĂŒchtlingen sichtbar und stellt die dort verbreitete nach wie vor dominierende Idee der Organisation von homogenen Lerngruppen in Frage. In Frage stehen auch die BemĂŒhungen der europĂ€ischen Staaten, sich als „Festung Europa“ immer stĂ€rker gegen die vermuteten „Migrationsströme“ aus dem SĂŒden abzuschotten. Wie dicht auch immer die Grenzen geschlossen, die ZĂ€une erhöht und die rechtlichen Restriktionen angezogen werden: Mensche werden kommen, einige bleiben und viele weiter ziehen. Das sich immer klarer abzeichnende PhĂ€nomen der Transmigration zeigt, dass die europĂ€ische Staatengemeinschaft oftmals nur mehr Durchgangsort ist, die transnationalen Migrationsverflechtungen sich im globalen Maßstab organisieren.

Was haben diese Beobachtungen nun mit Lernen und Bildung zu tun? Eine Menge, denn mit dem Ansteigen der Zahlen von Menschen, die, auf der Suche nach einem besseren Leben, auf der Flucht sind, steigt auch die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die in Deutschland anlanden. Was erwartet sie hier im Hinblick auf ihre Bildungsmöglichkeiten? Wie werden sie im Bildungssystem wahrgenommen? Welche Potentiale bringen sie mit? Was ist bezĂŒglich ihrer bereits erworbenen Bildungswege anschlussfĂ€hig? Wie bewĂ€ltigen Sie ihre oftmals schwierige Lebenssituation?

Mit diesen Fragen beschĂ€ftigt sich Louis Henri Seukwa in seiner Ă€ußerst erhellenden Studie ĂŒber den „Habitus der Überlebenskunst“ am Beispiel von jugendlichen afrikanischen FlĂŒchtlingen in Hamburg. Diese Studie ist der fĂŒnfte Band der Reihe „Bildung in Umbruchsgesellschaften“ und entstand im Kontext des Forschungsprojektes „Bildungsinstitutionen im Spiegel von FlĂŒchtlingsbiographien afrikanischer Jugendlicher.“ In der Untersuchungsperspektive werden zwei bislang getrennt gefĂŒhrte Diskurse (bzw. bildungstheoretische und bildungspolitische Probleme) untersucht und aufeinander bezogen: Zum einen, die im Zuge der internationalen Vergleichsstudien wie PISA oder TIMSS eng gefĂŒhrte Diskussion ĂŒber Bildungsstandards, die bezĂŒglich ihrer Entwicklung und Bewertung ausschließlich einen Output-Orientierten Bildungsbegriff erkennen lassen (der im Hinblick auf das damit zugrunde gelegte Steuerungsmodell beilĂ€ufig Lernen im Modus behavioristischer oder funktionalistischer Ursache-Wirkungs-KausalitĂ€ten Ă€ußerst trivial konzeptualisiert). Zum anderen wird eine grundsĂ€tzliche KlĂ€rung des Kompetenzbegriffes aus einer ontogenetischen Perspektive heraus durchgefĂŒhrt: Was ist Kompetenz und wie entsteht sie?

Mit der Entscheidung eine kompetenzbasierte Untersuchungsperspektive einzunehmen, die danach fragt, was die afrikanischen jugendlichen FlĂŒchtlinge an im Herkunftsland erworbenen Kompetenzen mitbringen, welche sowohl im formellen als auch im informellen Bildungssektor erworben wurden, schließt sich Seukwa unmittelbar an die Debatte um die Entwicklung von Bildungsstandards an und erweitert diese gleichsam um eine gehaltvolle Dimension. Denn was Kompetenz als zentrale Kategorie der gegenwĂ€rtigen BildungsbemĂŒhungen eigentlich ist, darĂŒber besteht eine eklatante ForschungslĂŒcke. In erziehungswissenschaftlicher Hinsicht fallen also ein nicht eigenstĂ€ndig definierter Kompetenzbegriff sowie auch fehlende Instrumente auf, diesen Begriff empirisch zu prĂŒfen, zu fundieren oder ĂŒberhaupt operationalisierbar zu machen.

Im Hinblick auf dieses Forschungsdefizit wird ein doppeltes Erkenntnisinteresse ersichtlich, denn Seukwa will nicht nur klĂ€ren, was Kompetenz als Begriff und als PhĂ€nomen ist, wie die diesem Begriff innewohnende Polysemie als Analyseinstrument genutzt werden kann, er geht auch einen entscheidenden Schritt weiter und untersucht die Reaktionsweisen, die die Aufnahmegesellschaft diesen Kompetenzen gegenĂŒber zeigt.

Zur KlĂ€rung steht damit die Frage an, ob die Bildungseinrichtungen den Herausforderungen der wachsenden gesellschaftlichen Pluralisierung gewachsen sind. Damit wird das Feld der „interkulturellen PĂ€dagogik“ berĂŒhrt, die sich darĂŒber legitimiert, interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln. Aber auch eine im Feld der BehindertenpĂ€dagogik gefĂŒhrte Diskussion hat sich dem Begriff der Kompetenz im Zuge des Ressourcenansatzes angenommen und ihn diskutiert, ohne ihn theoretisch jedoch einholen können. Beiden erziehungswissenschaftlichen Teil-Disziplinen des Besonderen ist gemeinsam, dass sie bezogen auf den Umgang mit HeterogenitĂ€t im Bildungssystem zu einer VerstĂ€rkung individueller Förderung tendieren, ohne sich selbst zu befragen, auf welches Ziel diese Art der Förderung hinauslaufen soll. Der Kompetenzbegriff ist in den jeweiligen Fachdiskussionen dadurch sehr undeutlich konzeptualisiert.

Auf einem epistemologisch außerordentlich breiten Fundament der in acht Kapitel unterteilten Studie, die in mehreren reflektierten und systematischen Untersuchungsschritten zuerst den Kompetenzbegriff theoretisch vielschichtig positionieren ohne dabei seine Polysemie aufzuheben, wird außerdem der Kontext „Afrika“ ausgeleuchtet, der wie eine unsichtbare aber gleichsam hoch signifikante Spur der postkolonialen Bedingungen das Feld „jugendliche FlĂŒchtlinge aus Afrika“ konstruiert. Die empirische ÜberprĂŒfung der eingangs gefundenen Hypothese, dass nĂ€mlich Kompetenzen, als FĂ€higkeit und Kapital (im Sinne Bourdieus) soziokontextualisiert sind, wird exemplifiziert in einer Fallstudie eines jugendlichen FlĂŒchtlings, Meme, der nicht nur eine erstaunliche erfolgreiche Performanz im Hamburger Bildungssystem vollzieht, sondern auch eindrucksvolle FĂ€higkeiten an den Tag bringt, sich von nichts in seinen LernbemĂŒhungen und Bildungsaspirationen aufhalten zu lassen.

Diese FĂ€higkeit findet ihren Ausdruck im „Habitus der Überlebenskunst“ einer sowohl theoretischen als auch analytischen Kategorie, die inspiriert durch Michel de Certeaus „Kunst des Handelns“ als eine Taktik erscheint, sich weder durch die postkoloniale MorbiditĂ€t Afrikas noch durch das hiesige repressive Rechtssystem, das FlĂŒchtlinge zu Unpersonen an Nicht-Orten macht, darin hindern lĂ€sst, kreative GegenentwĂŒrfe und Widerstandspotentiale zu entfalten (mit diesem Konzept lassen sich viele tragfĂ€hige AnschlĂŒsse zur Idee der Agency als subjektiver HandlungsfĂ€higkeit herstellen, die beispielsweise die Cultural Studies oder die kulturwissenschaftlich inspirierten Disability Studies im Blickpunkt haben). Die mit dieser Taktik zum Vorschein kommende subjektive HandlungsfĂ€higkeit, das macht die Fallstudie sehr anschaulich, ist nicht als ein Produkt einer im Kontext formaler Bildung vermittelten Kompetenz anzusehen. Ihre „transgressive KreativitĂ€t“ verdankt sich vielmehr der produktiven Seite der Macht (Foucault) und vor allem den in Afrika, also vor dem Schulbesuch in Hamburg erworbenen Kompetenzen im informellen Sektor.

So erscheint der Schulerfolg eines vormals als Analphabet nach Hamburg gekommenen SchĂŒlers kaum durch eine „individuelle Förderung“ im formalen Bildungssektor realisiert worden zu sein, sondern vor allem durch die Aktualisierung und Kontextualisierung, mithin der Nutzbarmachung von Kompetenzen, die alltagstheoretisch verstanden kaum als solche erkannt werden können (wie zum Beispiel ĂŒber ein „fotographisches GedĂ€chtnis“ zu verfĂŒgen).

Gibt es nun angesichts dieser Befunde fĂŒr die PĂ€dagogik nichts zu tun? Diese Frage stellt sich verschĂ€rft vor dem Hintergrund der Diskussion der kontextabhĂ€ngigen Kompetenz im Rahmen der hiesigen VerhĂ€ltnisse. Hier legt Seukwa plausibel dar, dass die Probleme von Meme sowie der anderen befragten Jugendlichen weniger in einem bildungstheoretischen Horizont zu verorten sind. Verursacht werden diese Probleme durch ein repressives System von Asyl- und Sozialgesetzen, die den zugleich gĂŒltigen AnsprĂŒchen auf eine Bildung fĂŒr Alle diametral gegenĂŒberstehen. Die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr eine Realisierung des Bildungsrechtes fĂŒr jugendliche FlĂŒchtlinge liegt somit nicht bei den PĂ€dagogen (wiewohl den individuellen BemĂŒhungen und dem persönlichem Engagement eine hohe WertschĂ€tzung entgegengebracht wird), sondern in der Verantwortung politischer EntscheidungstrĂ€ger.

Was sich jedoch von Meme und den anderen jugendlichen FlĂŒchtlingen aus Afrika, die hier mehr oder weniger in ihren Bildungsaspirationen durch das Rechtssystem behindert werden, lernen lĂ€sst, dass ist in der Tat die „Kunst des Handelns“. Angetrieben wird sie von einer kontextabhĂ€ngigen Kompetenz (frei von jeglicher kulturellen Substanz), die es einem Subjekt ermöglicht, angesichts bedrĂŒckender LebensverhĂ€ltnisse handlungsfĂ€hig zu bleiben, Widerstand zu leisten, auch und gerade dann, wenn es keine Macht hat und sich in den Maschen eines repressiven Systems verstrickt sieht.

Weil die empirisch fundierte, methodisch versierte und theoretisch inspirierte Studie von Louis Henri Seukwa diese Mikroprozesse so anschaulich und ĂŒberzeugend freilegt, ihre Dimension im pĂ€dagogischen Möglichkeitsraum so klar bestimmt, kann hier hervorgehoben werden, dass der gegenwĂ€rtig hoch gehandelte Kompetenzbegriff erst auf dieser ausgearbeiteten Grundlage zu einem tragfĂ€higen pĂ€dagogischen Leitbegriff entwickelt werden kann. Zugleich werden erziehungswissenschaftlich bedeutsame Problematisierungen einer Chancengleichheit fĂŒr Alle im Bildungssystem gefunden, die sich nicht mehr im schlichten Modus der Anerkennung von (kulturellen) Differenzen oder der Vermittlung von kontextunabhĂ€ngigen und universalen Kompetenzen, die vorhersagbar abrufbar sind, lösen lassen.

Wer auf der Suche ist nach wirksamen Resilienzen im Umgang mit strukturellen und symbolischen Barrieren, dem Entstehen des Habitus der Überlebenskunst nachspĂŒren will, die potentiellen und durchaus kreativen Lernspuren marginalisierter Jugendlicher empirisch rekonstruiert sehen möchte, wird auf die eindrucksvolle Studie von Louis Henri Seukwa nicht verzichten können.
Sven Sauter (Hagen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sven Sauter: Rezension von: Seukwa, Louis Henri: Der Habitus der Überlebenskunst, Zum VerhĂ€ltnis von Kompetenz und Migration im Spiegel von FlĂŒchtlingsbiographien (Bildung in Umbruchsgesellschaften; Bd. 5). MĂŒnster, New York, MĂŒnchen, Berlin: Waxmann 2006. In: EWR 5 (2006), Nr. 5 (Veröffentlicht am 29.09.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091619.html