EWR 17 (2018), Nr. 2 (März/April)

Aline Courtois
Elite Schooling and Social Inequality
Privilege and Power in Ireland’s Top Private Schools
London: Palgrace Macmillan 2017
(227 S.; ISBN 978-1-137-52276-4; 106,99 EUR)
Elite Schooling and Social Inequality Die Funktion von Elite(n), ihre Bedeutung in der öffentlichen Diskussion und die Mechanismen ihrer (Re-)Produktion im Bildungssystem sind ein international immer wieder diskutiertes Thema. In einem Interview spricht sich der deutsche Erzie-hungswissenschaftler Markus Rieger-Ladich im Interview mit dem Oxforder Studen-ten Kai Wortmann klar gegen eine bestimmte Form von Eliten aus: „We don’t need an elite if we understand it as a small social group that is equipped with certain privi-leges and which more often than not recruits itself from its own kind, managing to pass on its privileges in a clever way.”[1] In Anbetracht der Verhöhnung der merito-kratischen Idee durch die Realität bei gleichzeitiger Ideologisierung ebendieser Idee, scheint es sinnvoll, einen genauen Blick auf die Konstruktion von Elite zu werfen. Denn gerade dann, wenn die Elite sich nicht über Leistung, sondern über die Weitergabe von Privilegien und die Restriktion des Zugangs zu diesen selbst erhält, erscheinen Eliten nur für diejenigen sinnvoll, die selbst Teil der Elite sind und von dieser Zugehörigkeit profitieren. Trotz dieser allfälligen Beobachtung re-produzieren sich Eliten weiter.

Anzunehmen ist, dass Eliteschulen weltweit einen großen Beitrag dazu leisten, den Zugang zu Privilegien zu regulieren, Netzwerke der Macht zu erzeugen und ihre Absolvent_innen so in aussichtsreiche Positionen zu manövrieren. Sie nehmen über diffizile Distinktionsleistungen eine Differenzie-rung des sozialen Feldes vor – wie sich diese Distinktionen ausgestalten, ist auch Thema des hier besprochenen Werkes, das versucht, Praktiken in den Blick zu rü-cken, die sonst oft hinter schweren Holzportalen am Ende langer Alleen verborgen bleiben.

Die aus den Forschungen zu ihrem Dissertationsprojekt entstandenen Ausführun-gen der Soziologin Aline Courtois wenden sich – wohlgemerkt aus erziehungswis-senschaftlich interessierter, aber dennoch explizit soziologischer Perspektive – dem Phänomen der Elitenbildung in Irland zu. Genauer noch setzt sich Courtois mit der Konstruktion von Elite in Schulen auseinander. Dies geschieht nicht nur theore-tisch, sondern auch empirisch angeleitet, worauf ich gleich noch näher eingehen werde. Die mit 227 Seiten angenehm übersichtliche Studie ist in acht Kapitel ge-gliedert. Diese werden wiederum in kürzere Unterkapitel aufgefächert, die sich als wohlstrukturierte Sinnabschnitte erweisen, welche den Gang der Argumentation stützen und stets ersichtlich machen. Die Leser_innenführung ist so jederzeit ge-währleistet. Ergänzt wird das Buch um eine ausführliche, wohlgeordnete und inter-nationale Bibliographie und – wie es vom Verlag Palgrave gefordert wird – einem Index. Gerade der Index erleichtert es, mit dem Buch gezielt zu arbeiten.

Worum geht es aber nun in der Studie von Aline Courtois die – um es bereits an dieser Stelle zu sagen – in keiner Forschungsarbeit oder Seminaren zu internatio-nalen Eliteschulen fehlen sollte. Die Autorin geht laut eigener Aussage im Allge-meinen der Frage nach, wie Eliten Gesellschaft prägen. Spezifiziert wird diese all-gemeine Frage dadurch, dass Courtois thesenartig ausführt, dass die Eliteschule sowohl dafür verantwortlich sei, gesellschaftliche Positionen zuzuweisen, eine spezifische Klassenidentität zu erzeugen und einen gezähmten Kapitalismus zu unterstützen, der sich durch Manieren, Schweigen über Geld, Wohltätigkeit und einen gewissen Grad an Philanthropismus auszeichnet. Konsequenterweise sind ihre Bezugspunkte auf der einen Seite Bourdieus Theorie kultureller Reproduktion und Distinktion, sowie englischsprachige Elitentheorie, die sich mit dem Thema der Elitenbildung in Irland, Schottland und England bereits eingehend beschäftigt hat. Einer der Hauptbezugspunkte ist zudem ein ausgewählter Text des Soziologen Norbert Elias, der an zahlreichen Stellen erwähnt wird – unkritisch und affirmativ, wie ich hier anmerken möchte.

Die theoretischen Bezugspunkte werden durch die Publikation hinweg immer wie-der expliziert; sie dienen der Entwicklung eines dezidiert kritischen Blicks auf den Gegenstand und konstituieren ihn mit. Die Methode, mit der sich Courtois ihrem Gegenstand annähert, wird von ihr im Spektrum der qualitativen Methoden verortet. Sie gibt an, dass sie „open-ended interviews with school staff and former students, supplemented with documentary research and participant observation“ (16) durch-geführt habe. Dieser nicht näher ausgewiesene Zugang zielte laut Courtois darauf ab, den “spirit of a sector” (16) abzubilden. Wie dies theoretisch abgesichert wird, führt die Autorin nicht aus. Auch die Praxis der Datenauswertung wird nicht weiter thematisiert. Zusätzlich zum gesprochenen Wort und der erwähnten Arbeit mit Quel-len hat die Autorin die Schulgelände besucht, teilweise sogar für einige Tage auf ihnen gelebt. Problematisch ist nun, dass im weiteren Verlauf der Studie zwar im-mer wieder auf die erhobenen Daten rekurriert wird, allerdings ohne sie erneut zu reflektieren oder gar in ein systematisches Auswertungsschema einzuordnen. So sind beispielsweise die Zitate von Schüler_innen und Mitarbeiter_innen der Schu-len immer dann eingestreut, wenn ein zur theoretischen Rahmung passender Punkt betont werden soll. Die ethnografisch anmutenden Beschreibungen der Schulgelände sind zwar schön zu lesen, werden aber kaum systematisch erfasst. Beispielsweise Aussagen wie „Space plays an important role in the socialization process and shapes the hexis“ (81) wären einen genaueren Blick wert – sie sind gerade aufgrund des spatial turns in der Pädagogik und dem aktuellen Blick auf Körperpraktiken zustimmungsfähig, werden jedoch nicht weiter ausgeführt. Es wird deutlich, dass Courtois zahlreiche interessante und diskussionswürdige Aspekte im Material ausgemacht hat. Diese hätte sicherlich für viele Einzelstudien ausgereicht. Hier werden Möglichkeiten des Anschlusses vertan. Probleme der Anschlussfähig-keit ergeben sich aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive auch dann, wenn die Autorin mit „education“ lediglich die Entwicklung des Schulsystems zu meinen scheint und so keinen geschärften Blick für pädagogische Theorie entwickelt. Ab-seits vom völligen Verzicht auf die eigehende Thematisierung des pädagogischen Verhältnisses von erziehender Struktur und Individuum – das bei Courtois durch den Bezug auf Bourdieu scheinbar geklärt wird – erscheinen mir auch Bezüge auf einen der „Klassiker“ der Pädagogik, Rousseau, stark reduziert. Rousseau wird hier wie folgt paraphrasiert: „Rousseau advocated a type of education that protected children from adult`s corrupting influence by isolating them and allowing them to grow freely in a natural environment.” (76) Das Rousseau bei genauer Lektüre nicht auf diese Aussage reduziert werden kann, sollte interessierten Pädagog_innen mitt-lerweile klar sein. Und hier wird mein wohl größter Kritikpunkt – der nur als externe Kritik verstanden werden kann – am deutlichsten.

Die Studie von Aline Courtois setzt sich mit einem Phänomen auseinander, dass auch in der Erziehungswissen-schaft mit genau diesen Theoriebezügen bearbeitet wird. Es erscheint mir aber so, dass beispielsweise in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft eine empi-rische Studie zu Eliten nicht „einfach nur“ bestätigt, dass Eliten reproduziert wer-den. Dies ist jedoch die Quintessenz und das Ergebnis der Studie von Courtois. Zwar verweist sie darauf, dass noch weitere Forschung notwendig ist – beispiels-weise zur Produktion von Elite im familiären Kontext – wie dies aber methodisch präziser und konkreter an einzelne Theorieschulen und Fachdiskussionen zurück-gebunden werden kann, weist Courtois nicht aus.

Die Studie von Aline Courtois überzeugt mich trotzdem. Die Lektüre war ein absolu-ter Gewinn. Aufgrund ihrer profunden Kenntnisse der Diskussion um Elitenbildung in und durch Schulen in Irland und im englischsprachigen Raum gelingt es Courto-is, ein differenziertes Bild der Entwicklungen zu zeichnen, die zur Ausbildung der Schulen für Eliten in Irland geführt haben. Sie schlüsselt so eine wenig beachtete und schwer zugängliche Diskussion für interessierte Leser_innen auf. Die Veror-tung in die Zeitgeschichte und die sozialstrukturellen Entwicklungen sind enorm präzise und zugleich gut nachvollziehbar. Das Werk muss deshalb jeder Person uneingeschränkt empfohlen werden, wenn für das Thema Elitenbildung durch das Schulsystem ein Zugang zur internationalen Diskussion geschaffen werden soll. Hier ist es als relevanter Beitrag zur International Vergleichenden Pädagogik zu verstehen, der das bis jetzt marginalisierte Feld der Elitenbildung in Irland in den Blick nimmt. Deshalb überzeugt der Text auch als Einzelstudie. Gerade der soziolo-gische Blick, der mit sozialgeschichtlichen Informationen untermauert wird, ist sehr gut herausgearbeitet und trägt dazu bei, mit Bourdieu und aus Perspektive der The-orien Sozialer Ungleichheit, Schulen (erneut) als Hort der Reproduktion von eben-dieser zu erkennen. Trotz der genannten Kritikpunkte gelingt es Courtois, einen wichtigen Impuls für die Diskussion von Elitenbildung zu setzen, der Beachtung verdient – gerade auch wegen der exakten Aufarbeitung des Forschungsstandes zur Elitenbildung und eines sehr zugänglichen Schreibstils.

[1] Rieger-Ladich, Markus (2017): Do we need Elites? Interview with Markus Rieger-Ladich, Professor of Education. Abrufbar unter: http://www.brauchenwirelite.de/blog/.
Sebastian Engelmann (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sebastian Engelmann: Rezension von: Courtois, Aline: Elite Schooling and Social Inequality, Privilege and Power in Ireland’s Top Private Schools. London: Palgrace Macmillan . In: EWR 17 (2018), Nr. 2 (Veröffentlicht am 09.05.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978113752276.html