EWR 21 (2022), Nr. 1 (Januar)

André Postert
Die Hitlerjugend
Geschichte einer überforderten Massenorganisation
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021
(458 S.; ISBN 978-3-525-36098-9; 39,00 EUR)
Die Hitlerjugend Seit dem Hoch der erziehungs- und jugendhistorischen Forschung zur Hitler-Jugend zwischen 1990 und 2015 mit der herausragenden Darstellung von Michael Buddrus [1] gilt das Objekt als ausgeforscht und wird weit(er)gehend nur noch unter Spezialaspekten thematisiert. Ein solcher Aspekt liegt hier vor – er ist hochinteressant, insbesondere als Widerspruch zu der vielfach dokumentierten und erinnerungsgeschichtlich vorgetragenen Begeisterung für die HJ. Von erlebter Überforderung berichtete zuerst Loki Schmidt unter „Gezwungen, früh erwachsen zu sein“ [2], im vorliegenden Band ist damit ein ganzer Komplex gemeint: Es geht um „Überforderung“ im Jugendkollektiv, dort besonders um psycho-emotionale Überforderung, um organisatorische Mängel, betrügerische Machenschaften und Führungsversagen, um abweichendes, widerständiges und oppositionelles Verhalten und deren Praxen sowie generell um nichtkonforme Erlebnisräume. Diese Unterscheidungen trifft der Autor freilich nicht, wie er überhaupt seinen Quellenfundus nicht systematisiert; vor allem springt er zwischen den Ordnungskategorien zur Hitler-Jugend hin und her. Zwar meint er unter „Hitlerjugend“ die „Gesamtorganisation“ (22, Anm. 36), berichtet hauptsächlich aber aus dem männlichen Jugendkollektiv – ohne Unterscheidung der beiden Alterskohorten [3] –, dazu aus der Jugendorganisation (gemeinhin „Hitler-Jugend“) – ohne zwischen ehrenamtlicher Führung und hauptamtlichen Führungsapparaten zu unterscheiden; lediglich Quellenzitate aus dem „Bund Deutscher Mädel in der Hitlerjugend“ (BDM) und der „Reichsjugendführung“ (RJF) werden unter „Gesamtorganisation“ eigens markiert [4].

Die Forschung zur Hitler-Jugend befleißigt sich der angeführten genauen Benennungen, um über summarische Berichte hinaus zu historisch-systematischer Analyse und zu repräsentativer – regionaler, alters- oder milieuspezifischer – Aussage oder Darstellung zu kommen. Solche Arbeit an der Geschichte hat Postert der Anschlussforschung überlassen. Für sie ist sein Band ein riesiger Fundus, ihm mag man auch hudelige Semantik [5] nachsehen; ärgerlich bleibt dennoch der Begriff „Massenorganisation“ für die Hitler-Jugend – sie war keine „Massenorganisation“, wenigstens nicht im bisherigen soziologischen Begriff; sie war vielmehr eine, dem eigenem Anspruch nach „totale“ (bei Postert „totalitäre“) Staatsjugendorganisation, wie auch Postert wiederholt feststellt. – Das von ihm beigebrachte Quellenmaterial ist stupende, quantitativ schon an den über tausend Quellennachweisen zu ermessen, qualitativ dem Quellenverzeichnis im Anhang des Bandes abzulesen; als Quellengruppe sind die in der hier vorliegenden Menge noch nicht erschlossenen „Befehlsblätter“ und „Gebietsbefehle“ der Hitler-Jugend hervorzuheben, an Periodika die zeitgenössische Tages- und Verbandspresse; der Anhang des Bandes enthält dazu eine umfangreiche Auflistung zeitgenössischer Quelleneditionen und der Sekundärliteratur nach 1945.

In quellenkritischer Unterscheidung, die Postert nicht trifft, setzt sich der Quellenbestand zusammen aus Archivalien: amtlichen Schriftstücken, Dokumenten und Verlautbarungen, offiziellen und vertraulichen Berichten, autobiographischen Texten sowie lebensgeschichtlichen Erzählungen und Erinnerungsberichten – diese Gattungen werden gleichrangig und regional querbeet zitiert. Damit will Postert unter „Überforderung“ zeigen, „wie wenig die Hitlerjugend ihrem [totalitären] Anspruch genügte, wie verschieden sie erlebt und eigensinnig genutzt wurde“ (24), und nimmt dafür primär „das Wirken der Hitlerjugend vor Ort“ (25) in den Blick. Destruieren will er zudem den „Mythos“, „dass die Hitlerjugend eine ganze Generation junger Menschen erfasst, erfolgreich indoktriniert und [...] betrogen“ (15), dass sie „Millionen im Gleichschritt“ (249) organisiert habe. Solche Behauptung ist freilich längst ad acta gelegt; sie stammt aus der frühen Historiographie zur Hitler-Jugend, in den 1960er Jahren geschrieben von Ehemaligen, die insofern der HJ-Propaganda auch post festum noch zum Opfer fielen. Gegen diesen „Mythos“ nun tritt Postert mit der bislang umfangreichsten und vielfältigsten Quellensammlung an.

Sie wird in drei chronologischen Kapiteln untergebracht. Im ersten Kapitel („Genese einer Massenorganisation“) wird die Anfangsgeschichte der Hitler-Jugend von 1926–1933/34 vorgenommen. Diese Geschichte ist weitgehend bekannt, Postert geht ihr hier auch in bislang weniger beachteten Jugendsektoren (Sportvereine, Schule bzw. Erlebnisraum „Klassenzimmer“) nach. – Das zweite Kapitel („Anspruch und Realität der Hitlerjugend“) dokumentiert den Komplex „Überforderung“ für 1933–1936, im offiziellen Sprachgebrauch „Jahre des Aufbaus“. Dass innerhalb von drei Jahren eine Staatsjugendorganisation schwerlich reibungslos oder gar „total“ aufzubauen und zu organisieren sei, haben selbst die NS-Machthaber nicht behauptet; insofern ist „Überforderung“ hier kein ganz neuer Aspekt. Interessant in diesem Kapitel sind die Belege und Berichte zu Judenverfolgung und Antisemitismus sowie zur Homophobie in der Hitler-Jugend, insbesondere deshalb, weil sie nicht nur auf ideologischer Ebene, sondern auch in praxi dokumentiert werden; sie sind freilich schwerlich unter „Überforderung“ zu subsumieren.

Das dritte Kapitel („Massenmobilisierung“) geht der gesellschaftlichen Mobilisierung sowie der politischen Erfassung und Kontrolle der Hitler-Jugend von anfänglicher „Freiwilligkeit“ über die 1939 verhängte Dienstpflicht bis zum offen erzwungenen Kriegs(hilfs)dienst nach, beleuchtet dabei die Erfassungspraxis, schildert „Gegenkulturen, Unangepasste [und] Widerständler“ (323), „disziplinarische Probleme und Jugendkriminalität“ (335) nebst deren staatlicher Verfolgung und bringt unter „Aussonderung und Umerziehung“ Quellen auch zu den kaum bekannten „Landesjugendhöfen“ der Hitler-Jugend bei; zuletzt wird die „Freiwilligkeit [der] letzten Parteieintritte“ 1944/45 hinterfragt (399).

Mit Ausnahme der „Landesjugendhöfe“ sind die im letzten Kapitel vorgenommenen Jugendpraxen – Erfahrungsräume der (männlichen) Jugend unter der NS-Herrschaft, Ordnungsanstrengungen und Rivalitäten im Führungsapparat der Hitler-Jugend, insbesondere in der RJF, Kriegseinsatz der Hitlerjugend – gut erforscht, nicht aber unter dem Generalsaspekt des Versagens und nicht, so ist zu wiederholen, in der hier vorliegenden Quellenfülle. Als deren „Bilanz“ (408) trägt Postert eine vergleichsweise banale Feststellung vor: „Der Blick auf lokale Räume und Schilderungen der Zeitzeugen unterstreicht, dass Handlungsoptionen für junge Menschen sehr wohl existierten“, obwohl sie „nicht jedem voll bewusst sein [konnten]“ – letzteres ein etwas rätselhaftes Phänomen. Interessant und (forschungs)anregend sind die daran anschließenden Überlegungen zum – uninformierten – Umgang der britischen und der amerikanischen Besatzungsmacht mit der deutschen Jugend als Hitler-Jugend sowie zu deren Transformation „von einer Partei- und Staatsjugend in die nächste [im Osten]“ (420). Fazit, so plakativ wie wenig überraschend: „Nie […] hatte sie [die „Hitlerjugend“, hier als Staatsapparat gemeint; G.M-K.] tatsächlich alle jungen Menschen unterschiedslos erfasst oder sich gefügig machen können. Sie war kein eiserner Käfig, aus dem die Flucht nicht möglich gewesen wäre“ (421).

[1] Buddrus, M. (2003). Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik. 2 Bde, München: K G Saur.
[2] Schmidt, L. (1992). Gezwungen, früh erwachsen zu sein. In H. Schmidt et al. (Hrsg.), Kindheit und Jugend unter Hitler (S. 19-68). Berlin: Siedler.
[3] 14-18-Jährige („HJ“ im engeren Sinne) und 10-14-Jährige („Deutsches Jungvolk“, DJ).
[4] Dies wiederum ohne Unterscheidung zwischen dem Altersverband mit seinen beiden Kohorten und der Führungsorganisation. Postert notiert die historiographisch unterschiedenen Begriffe, um mit ihnen zuletzt die Frage zu beantworten, was für eine „Organisation [die] Hitlerjugend gewesen“ sei (413); die formalen Begriffe geben aber keine qualitative Antwort.
[5] „Dieses Buch, das einen Mythos des Gleichschritts hinterfragt“ (17).
Gisela Miller-Kipp (Düsseldorf)
Zur Zitierweise der Rezension:
Gisela Miller-Kipp: Rezension von: Postert, André: Die Hitlerjugend, Geschichte einer überforderten Massenorganisation. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021. In: EWR 21 (2022), Nr. 1 (Veröffentlicht am 19.01.2022), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978352536098.html