EWR 17 (2018), Nr. 2 (März/April)

Miriam Buse
Eltern zwischen Kindertageseinrichtung und Grundschule
Rekonstruktion interaktionaler Prozesse und transitionstheoretische Reflexionen
Wiesbaden: Springer VS 2017
(505 S.; ISBN 978-3-658-17029-5; 59,95 EUR)
Eltern zwischen Kindertageseinrichtung und Grundschule In den wissenschaftlichen und politischen Debatten um Bildungschancen für alle Kinder haben Eltern als zentrale Akteure in Bildungsinstitutionen in den letzten Jahrzehnten eine Bedeutungssteigerung erfahren. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit von Familie und Bildungsinstitution wird in diesem Kontext vielfach als gewinnbringend erachtet.
An diese Beobachtung und an die Annahme, dass dem Übergang von Kindern von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule auch aus biographischer Perspektive eine wichtige Funktion für die erfolgreiche Bewältigung weiterer Übergänge (im Bildungssystem) zukommt, knüpft Miriam Buse mit ihrer Dissertationsschrift an. Sie untersucht, wie „Eltern die Zusammenarbeit und Beziehung mit den PädagogInnen in Kindertageseinrichtung und Grundschule im Transitionsprozess“ (17) wahrnehmen und welche elterlichen Orientierungen bezüglich Zusammenarbeit in diesem Prozess rekonstruiert werden können.

Um dies zu beantworten, stellt Buse zunächst Forschungsstand und theoretische Anschlüsse mit Blick auf die „Zusammenarbeit und Beziehung von Eltern und PädagogInnen in Kindertageseinrichtung und Grundschule“ vor (Kap. 2, S. 25). Hierfür werden u. a. die rechtlichen Grundlagen der Zusammenarbeit in den beiden Institutionen skizziert sowie aktuelle und historische Perspektiven auf das genannte Verhältnis und gegenwärtige Diskurse um „Bildungs- und Erziehungspartnerschaften“ dargelegt. Um den Beziehungsbegriff für die Untersuchung nutzbar zu machen, wird dieser im Rahmen system-, austausch- und interdependenztheoretischer Ansätze verortet.

Eine weitere theoretische Verortung erfolgt hinsichtlich der „Eltern als Akteure im Übergang“ (Kap. 3). Buse betrachtet dafür Strukturdifferenzen zwischen Kindertageseinrichtung und Grundschule und – im Anschluss an das sozialökologische Modell nach Bronfenbrenner – Familie, Kindertageseinrichtung und Schule als sich wechselseitig beeinflussende Systeme (93). Die Bedeutung der Eltern für Übergangsprozesse an der Schnittstelle dieser Systeme wird in Anlehnung an transitionstheoretische Annahmen (v. a. Griebel & Niesel, 2015) begründet.

In Kap. 4 stellt Buse das Forschungsdesign und die methodologische Verortung ihrer Studie im Rahmen der Dokumentarischen Methode vor. Der Auswertung liegen insg. 28 problemzentrierte Interviews mit 14 Eltern(paaren) zu zwei Erhebungszeitpunkten zu Grunde.

Der empirische Teil (Kap. 5-9) beschäftigt sich zunächst mit der Rekonstruktion elterlicher Orientierungen vor (Kap. 5) und nach (Kap. 6) dem Übergang der Kinder in die Grundschule. Es werden handlungsleitende Orientierungen der Eltern hinsichtlich der Kommunikation mit ErzieherInnen bzw. Lehrkräften herausgearbeitet. Aus den Interviews zum ersten Erhebungszeitpunkt (Kindertageseinrichtung) erarbeitet Buse eine Typologie mit zwei Orientierungsrahmen, dem beziehungsorientiert-involvierten Typus (6 Fälle) und dem funktional-pragmatischen Typus (8 Fälle). Während der erste Typus die Kindertageseinrichtung als „familiennahe Sozialisationsinstitution“ in „gemeinsamer Verantwortung“ (278) verstehe, verstehe der zweite Typus Kita und Familie als getrennte Sphären mit je eigenen Zuständigkeiten. Typenübergreifend lasse sich die Kommunikation mit den ErzieherInnen im „Modus der Informalität“ (160) beschreiben. Die Auswertungen der Interviews zum zweiten Erhebungszeitpunkt (Grundschule) zeigen, „dass sich die Eltern-PädagogInnen-Beziehung mit dem Schuleintritt von einer informellen zu einer formalen Beziehung in der Schule abgrenzen lässt“ (485).

Während in Kap. 7 der Fokus nun auf elterliche Konstruktionen von Unterschieden zwischen den Systemen Kindertageseinrichtung und Grundschule gelegt wird, wird in Kap. 8 hinsichtlich des Orientierungsproblems der Transitionsbewältigung des Übergangs eine weitere Typologie mit zwei Orientierungsrahmen erarbeitet: Der ambivalent unsichere Typus (4 Fälle) und der zuversichtliche Typus (9 Fälle). Die Typen verweisen laut Buse auf unterschiedliche Zugänge der Eltern in der Beziehung zu den PädagogInnen in den Institutionen sowie auf unterschiedliche Verarbeitungsmuster und Transitionsverläufe (467).

Im letzten, aus meiner Sicht besonders spannenden Analysekapitel, richtet Buse den Fokus auf die Bedeutsamkeit von Differenzkategorien wie Migration, Geschlecht, sozioökonomischer Status und Milieu (Kap. 9). Interessant ist, dass deren Bedeutung von den befragten Eltern selbstläufig eingebracht wurde (436). In mehreren Interviews zeigen sich milieuspezifische „Abgrenzungsbewegungen“ (452) mit Blick auf „andere Eltern“, denen – häufig im Zusammenhang mit Umschreibungen, die auf sozial unterprivilegiertes Klientel zielen – mangelndes Interesse und geringe Beteiligung nachgesagt 0wird. Ebenfalls interessant – v. a. im Kontrast zu der vornehmlich positiv konnotierten Sichtweise auf intensive Zusammenarbeit in Wissenschaft und Fachpraxis – sind Buses Befunde hinsichtlich des elterlichen Erlebens von Druck, schulisches Engagement erbringen zu müssen (458f.).

In Kap. 10 und 11 werden die Befunde u. a. in gegenwärtige Diskurse eingeordnet und es wird Forschungsbedarf aufgezeigt. Die Autorin hält u. a. fest, „dass die Eltern in ihren handlungsleitenden Orientierungen eine professionelle Asymmetrie in der Beziehung zu den PädagogInnen konstruieren und die PädagogInnen in den jeweiligen Institutionen als Experten und professionelle Akteure“ (469) anerkennen. Darüber hinaus erfahre die Asymmetrie im System Schule eine Verstärkung (461).

Insgesamt hat die Autorin mit ihrer Dissertation eine umfangreiche Studie zum Thema Zusammenarbeit an der Schnittstelle von Familien und Bildungsinstitutionen mit Blick auf Eltern vorgelegt, die einen guten Überblick über aktuelle Debatten, den Forschungsstand zum Thema sowie einige theoretische Ansätze im Rahmen der Übergangsforschung bietet. In der Darstellung wäre teilweise eine systematischere Bündelung der vorgestellten Einzelstudien hilfreich gewesen, um die gegenwärtigen Forschungsfelder (und ihre Desiderate) noch stärker zu konturieren.

Der Vorstoß, den Beziehungsbegriff zur Untersuchung des Verhältnisses von Eltern und Bildungsinstitution respektive Fach- und Lehrkräften zu theoretisieren, ist positiv hervorzuheben, zumal solche Theoretisierungen im Forschungsfeld bislang weitestgehend ausstehen. Allerdings erscheint die vornehmliche Bezugnahme auf Konzepte der Sozialpsychologie und Psychotherapie aus meiner Sicht erklärungsbedürftig (59). Die theoretisch-psychologisierenden Ausführungen (z. B. dialogisches Prinzip, S. 62f.) zur Gestaltung einer positiven Beziehung (empathisch, wertschätzend etc.) führen zu normativen Setzungen, die mit einer deskriptiv-empirischen Beschreibung des Beziehungs-Verhältnisses nur schwer vereinbar sind.

Besonders gehaltvoll sind die Einsichten in das empirische Material. Es gelingt Buse, die Sichtweisen der Eltern facettenreich darzulegen. Leider macht es die Umfänglichkeit der Analysekapitel nicht ganz leicht, den Rekonstruktionen in ihrer Logik zu folgen. Eine stärkere Systematisierung durch z. B. Zwischenüberschriften mit Blick auf die verschiedenen Facetten der herausgearbeiteten Orientierungen wäre hilfreich gewesen und hätte die Reichhaltigkeit des Materials unterstrichen. Die an mehreren Stellen dichotom wirkenden Typenzuordnungen sind beim Lesen nicht immer überzeugend.

Hinsichtlich der Umsetzung der dokumentarischen Interpretation fällt auf, wie Buse auch selbst reflektiert, dass ein großer Teil der Interviewausschnitte stärker argumentativen als narrativen Charakter haben. Dies wird nicht zuletzt auch durch die Fragen des Leitfadens provoziert (S. 162, 223, 230 etc.). Dadurch kommen in den Interpretationen v. a. die subjektiven Sichtweisen und Theorien der befragten Eltern deutlich zur Geltung. Hinsichtlich impliziter Orientierungen von Eltern – die der Methode gemäß v. a. an Erzählsequenzen herausgearbeitet werden können, indem sequentielle Äußerungsabfolgen betrachtet werden, durch die sich die Interpretation von den Sinnzuschreibungen der Akteur*innen selbst ablösen kann (Nohl, 2012) – hätte das Potenzial der Dokumentarischen Methode noch stärker ausgeschöpft werden können.
Stefanie Bischoff (Frankfurt am Main)
Zur Zitierweise der Rezension:
Stefanie Bischoff: Rezension von: Buse, Miriam: Eltern zwischen Kindertageseinrichtung und Grundschule, Rekonstruktion interaktionaler Prozesse und transitionstheoretische Reflexionen. Wiesbaden: Springer VS 2017. In: EWR 17 (2018), Nr. 2 (Veröffentlicht am 09.05.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365817029.html