EWR 21 (2022), Nr. 1 (Januar)

Josepha Nell
Migrationserfahrung als Ressource?
Biografische Selbstdarstellung älterer MigrantInnen in Wien
Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2020
(260 S.; ISBN 978-3-7799-6164-2; 34,95 EUR)
Migrationserfahrung als Ressource? Wenngleich Migration in den letzten Jahren in der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Forschung zunehmend Einzug gehalten hat, richtet sich der Fokus selten auf ältere Personen, die als Migrant_innen gelten und/oder sich selbst als migrantisch bezeichnen. Die Topoi Migration und Alter werden, wenn sie in den Blick geraten, v.a. im Hinblick auf eine migrationssensible Versorgung im Alter im (psycho-)sozialen Bereich der Sorgearbeit und Pflege fokussiert. Vor diesem Hintergrund sowie einem medial und gesellschaftlich oftmals noch vorherrschenden Defizitblick auf Menschen, die als Migrant_innen gelten, fokussiert die Dissertationsstudie von Josepha Nell mit einer Perspektive auf Migrationserfahrung als Ressource in den Biografien älterer Migrant_innen ein vernachlässigtes Forschungsthema.

In Ihrer soziologischen Studie interessiert sich Josepha Nell für die „migrationsbezogenen Gründe [...], die für eine positive subjektive Lebensqualität im Alter ausschlaggebend sind“ (12). Lebensqualität wird dabei nicht nur als das Verfügen-Können über materielle Güter definiert, sondern v.a. als Fähigkeit, diese und weitere, immaterielle Ressourcen so einzusetzen, dass sie der eigenen Lebensführung positiv zugutekommen. Die theoretischen Referenzen der Studie liegen in Bezugnahmen auf das Konzept der Salutogenese und des Kohärenzgefühls nach Aaron Antonovsky, die als „Rahmentheorie“ (12) fungieren und mithilfe der Lebensqualitäts- und Resilienzforschung konkretisiert werden. Die Autorin wendet sich älteren Migrant_innen, die zwischen 1960 und 1970 nach Österreich migriert sind, den überwiegenden Teil ihres Lebens dort verbracht haben und mindestens 60 Jahre alt sind, im Rahmen von biografischen Interviews zu. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Welche Bedeutung kommt die Erfahrung der Migration für die Entwicklungen einer positiven subjektiven Lebensqualität im Alter zu?

Die Studie gliedert sich in vier übergeordnete Kapitel. In der Einführung pointiert die Autorin den Forschungsbedarf und konkretisiert die Forschungsfragen sowie das Erkenntnisinteresse der Studie. In dem anschließenden Kapitel II wird die theoretische Rahmung der Studie expliziert, Kapitel III widmet sich dem Forschungsprozess sowie der Darstellung der empirischen Ergebnisse. Im IV. Kapitel erfolgt eine zusammenfassende Reflexion und Diskussion der Ergebnisse sowie ein Ausblick.

Josepha Nell widmet sich für die Rahmung des theoretischen Zugangs zunächst dem begrifflichen Verständnis von Migration und Migrationsprozessen aus einer soziologischen Perspektive, um dieses mit einer sozio-historischen Kontextualisierung der Migrationsgeschichte in Österreich seit den 1950er Jahren zu konkretisieren. Hierfür bezieht sie nicht nur Personen ein, die als sog. Gastarbeiter_innen migriert sind, sondern zählt u.a. auch geflüchtete Personen sowie Personen zu ihrem Sample, die als sog. hochqualifizierte Migrant_innen nach Österreich gekommen sind. Von der Problematik einer doppelten Marginalisierung ausgehend – sowohl älterer Menschen als auch Personen, die als Migrant_innen gelten – verweist Nell auf die Notwendigkeit einer theoretischen sowie empirischen Differenziertheit (15), um pauschalisierende Kategorisierungen zu vermeiden und stattdessen auf die Heterogenität der sozialen Lage älterer Migrant_innen hinzuweisen, die sie u.a. in Bezug auf „Geschlecht, Ethnie, Bildungs-, Lebens- und Einkommenslage“ (14) sieht. Beide Kategorien – „Migration“ und „Alter“ – sind weder allgemein, noch objektiv, sondern vielmehr über soziale Konstruktionen sowie aus der jeweiligen Handlungs- und Deutungsperspektive der Subjekte zu verstehen. Entsprechend beschäftigt Nell sich auch mit gesellschaftlichen „Alter(n)sbilder und Alter(n)svorstellungen“ (52ff). Nach dem Konzept der Salutogenese werden Lebensqualität, Resilienz- und Coping-Strategien sowie verschiedene gesellschaftliche und persönliche Ressourcen als bedeutsame Parameter der Gesundheit im Alter und Migration bestimmt.

Das methodologische Vorgehen wird als phänomenologischer Zugang konzipiert, der darauf abzielt, die sozialen Sinnkonstruktionen der biografisch Erzählenden herauszuarbeiten. Hierfür erfolgt zunächst eine komprimierte Darstellung der Ergebnisse, anschließend werden diese orientiert an einer themenanalytischen Vorgehensweise nach Froschauer und Lueger im Hinblick auf die Lebenssituation der Interviewten vor der Migration, ihrer Ankunft in Österreich sowie der Sichtweise auf das eigene Alter und die eigene Biographie detaillierter entfaltet. Für die Ausgangssituation vor der Migration kristallisieren sich auf übergeordneter Ebene u.a. der (frühe) Umgang mit Armut, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Minderheitenstatus sowie Bildung und aktives Lernverhalten als hilfreiche Erfahrungen heraus. Für die Ankunftszeit in Österreich rekonstruiert Nell Anpassungsleistungen und Flexibilität sowie eine als Ambiguitätstoleranz einzuordnende Fähigkeit, mit Enttäuschungen und Fehlern umzugehen. Die Sichtweise auf das eigene Alter(n) und die eigene Biografie zeichnet sich durch die Erinnerung an prägende Erfahrungen und Begegnungen, das Gefühl der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im Alter, die Verschiebung von materiellen zu immateriellen Werten sowie innere Bilder und Reichtum durch transnationale Bezüge aus.

Für eine weitere Differenzierung stellt die Autorin die in der Themenanalyse entwickelten Kategorien über verschiedene „Narrative des Migrationsprozesses“ (153ff) dar. Unter sozialen und persönlichen Ressourcen wird v.a. die Bedeutsamkeit der Familie sowie signifikanter Anderer herausgestellt, unter strukturellen und ökonomischen Ressourcen resümiert Nell u.a. den Vergleich der Lebenssituation mit Personen aus dem Herkunftsland, den positiven Rückblick auf die eigenen Leistungen sowie das Wissen um das Selbstständig-Machen in Form eigener Unternehmensgründungen. Hier werden neben den subjektiven Elementen auch Bezüge auf sozialstrukturelle Rahmungen hergestellt, die in der empirischen Analyse sonst eher zurückbleiben. Als bedeutsam erweist sich hier v.a. die Hoffnung und die Erwartung des sozialen Aufstiegs der nachfolgenden Generation, für die eigene Entbehrungen im Zuge des Migrationsprozesses in Kauf genommen werden. Auch die kognitiven und emotionalen Ressourcen, die Nell abstrahierend herausarbeitet, schließen hier an und betonen eine positive Sicht- und Umgangsweise mit Herausforderungen der Migration und dem anschließenden Leben in Österreich, das in der Erzählung der Interviewten u.a. von Durchhaltevermögen und Vertrauen in die eigenen Leistungen zeugt. Nell rekonstruiert die von den Interviewten positiv wahrgenommene Fähigkeit, auf verschiede kulturelle und sprachliche Systeme zurückgreifen zu können; ebenso wird die eigene Migration als Möglichkeit eingeordnet, die eigene Entwicklung voranzutreiben und sich durchzusetzen.

Auffallend ist, dass weder in der theoretischen Rahmung, noch in der abschließenden Reflexion Bezug auf neuere und insbesondere kritisch-reflexive Arbeiten aus dem Bereich der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung wie u.a. der Rassismuskritik genommen wird. Hierdurch ließen sich die oftmals vorrangig subjektiv konzeptualisierten Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten noch stärker mit sozialstrukturellen und insbesondere machtanalytischen Perspektiven auf gesellschaftliche Strukturen und das darin (un)mögliche Handeln von Subjekten ins Verhältnis setzen. Eine stärkere theoretische sowie empirische Diskussion im Hinblick auf verschiedene geschlechtliche aber auch sozio-ökonomisch Positionierungen als Migrant_in im Hinblick auf sich unterscheidende, aber auch sich ähnelnde Handlungsspielräume wäre gerade für das Feld der erziehungswissenschaftlichen Migrationsforschung bedeutsam.
Methodologisch steht die empirische Vorgehensweise teilweise im Spannungsverhältnis zu dem in der Arbeit dargelegten, qualitativen Ansatz einer interpretativen Soziologie, die das Handeln aus der Perspektive der Subjekte zu verstehen und zu rekonstruieren versucht. Die Strukturierung der Interpretationsergebnisse nach theoretisch generierten Kategorien (125) und die themenanalytische Zergliederung der biografischen Interviews lässt deren Qualität als einzelne, erinnerte und erzählte Lebensgeschichte teilweise etwas untergehen. Zugleich ergibt sich über das gewählte Auswertungs- und Darstellungsverfahren die Möglichkeit, übergreifende Elemente in Form von stärker generalisierbaren Ressourcen sichtbar zu machen, was gerade für soziologische Analysen gewinnbringend und anschlussfähig ist.

Die Stärke der Studie liegt trotz dieser Einwände in der theoretisch wie empirisch überzeugenden Konzeptualisierung des Zusammenhangs von Alter(n) und durch Migration geprägte Biographien, die Negativ- und Defizitperspektiven auf ältere Migrant_innen überzeugend konterkariert. Josepha Nell bietet damit eine differenzierte Einführung in den nach wie vor unterrepräsentierten Zusammenhang von Alter(n) und Migration, in der die subjektiven Gestaltungs- und Gelingensbedingungen eines u.a. durch Migration geprägten Lebens mit Bezug auf Sequenzen biografischer Interviews überzeugend dargestellt werden und damit auch als eine empirisch fundierte Konkretisierung und Anwendung des Salutogenese-Konzepts und des Capability-Ansatzes verstanden werden können. Nachvollziehbar, gut verständlich und theoretisch wie empirisch fundiert illustriert die Studie das breite Spektrum der lebensgeschichtlichen Umgangs- und Deutungsweisen älterer Migrant_innen und dokumentiert die Selbstverständlichkeit des biografisch-reflexiven Umgangs mit der eigenen Migrationsgeschichte. Auch wird deutlich, dass das Alter der Befragten nicht nur, aber auch zu einem positiven Resümee des bisherigen Lebens führt und eine gestaltende Rolle nicht nur auf das vergangene, sondern auch jetzige Leben eingenommen wird.
Veronika Kourabas (Bielefeld)
Zur Zitierweise der Rezension:
Veronika Kourabas: Rezension von: Nell, Josepha: Migrationserfahrung als Ressource?, Biografische Selbstdarstellung älterer MigrantInnen in Wien. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2020. In: EWR 21 (2022), Nr. 1 (Veröffentlicht am 19.01.2022), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377996164.html