EWR 17 (2018), Nr. 2 (März/April)

Angelika Paseka / Martin Heinrich / Anna Kanape / Roman Langer (Hrsg.)
Schulentwicklung zwischen Steuerung und Autonomie
Beiträge aus Aktions-, Schulentwicklungs- und Governance-Forschung
Münster/ New York/ München/ Berlin: Waxmann 2017
(211 S.; ISBN 978-3-8309-3198-0; 34,90 EUR)
Schulentwicklung zwischen Steuerung und Autonomie Nachdem Jörg Schlee im Jahr 2014 die Schulentwicklung pauschal als „gescheitert“ beurteilt hatte [1], stellt sich gleichwohl die Frage, welche Erkenntnisse Forschung und Fachliteratur zu einem besseren Verstehen der Schulentwicklung sowohl auf der Ebene der Einzelschule als auch auf der Systemebene anzubieten vermögen. Daher ist es die erklärte Absicht des Herausgeberteams, zu einer Verhältnisbestimmung der direkt an Schulentwicklungsprozessen beteiligten Personen einerseits und den staatlichen Steuerungsinstanzen andererseits beizutragen. Ein zweites Motiv ist ebenso unverkennbar: Just im selben Jahr feierte eine renommierte Persönlichkeit der Schulforschung und Theorieentwicklung, Herbert Altrichter, ihren 60. Geburtstag. Das Buch liest sich also auch als Festschrift für Altrichter, sodass die Würdigung seines beruflichen Schaffens zu erwarten ist. Drei Arbeitsschwerpunkte Altrichters finden somit eine Entsprechung in der Gliederung des Bandes: „Aktionsforschung“, „Schulentwicklung“, „Educational Governance“. In dieser Struktur finden sich zehn Beiträge von teils langjährigen Weggefährten Altrichters aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, ergänzt um ein Nachwort.

Die Überlegungen von Elgrid Esser eröffnen den ersten Teil des Buches und geben aus der Perspektive einer Beteiligten einen Eindruck von der Entwicklungsgeschichte der Aktionsforschung in Österreich. Altrichters Bemühungen um eine tragfähige Konzeption von Handlungsforschung für die Lehrerfortbildung, Selbstevaluation und Organisationsentwicklung an Schulen kommen zur Sprache. Aufgrund des aufzählenden Duktus‘ verblasst allerdings der Zusammenhang von Aktionsforschung und Schulentwicklung. Peter Posch stellt die im asiatischen Raum entwickelte Variationstheorie vor, eine Lerntheorie, die sowohl für die Didaktik als auch für die Konzeptentwicklung von Lehrenden fruchtbar gemacht worden ist. Dabei geht es primär um die Art und Weise, „wie ein Phänomen oder Gegenstand des Lernens gesehen, erlebt oder verstanden wird“ (27). Posch arbeitet die Merkmale dieser Theorie heraus und nennt hierzu Ergebnisse der Wirksamkeitsforschung. Auch Aktionsforschungsstudien werden angesprochen. Deren Verhältnis zur Kapitelüberschrift und zu Altrichters Arbeiten wird jedoch nicht geklärt. Hilbert Meyer überschreibt seinen Text treffend mit „Bausteine für eine didaktisch orientierte Theorie der Unterrichtsentwicklung“. Der theoretische Zugriff, ist, wie Meyer selbst unterstreicht, eklektisch. So werden in lockerer Manier Überlegungen zu unterschiedlichen Aktionsforschungsansätzen, zu Ansprüchen an die sozialwissenschaftliche Theoriebildung und zur Unterrichtsentwicklung („Bausteine“) und ihren Standards nebeneinander gestellt. Die Korrespondenz von Unterrichtsentwicklung mit einem Ansatz der Aktionsforschung (welchem?) lässt sich nur erahnen. Im Ganzen steht die Katalogisierung von Einzelaspekten der Unterrichtsentwicklung vor der systematischen Erhellung von deren Zusammenhang mit der Schulentwicklung.

Im zweiten Teil des Buches umreißt Klaus-Jürgen Tillmann die zunehmende Heterogenität an Schulen als „Grundproblem der Schul- und Unterrichtsentwicklung“. Er referiert empirische Befunde zur Selektion im Schulwesen und variiert den Blickwinkel verschiedentlich zwischen der Systemebene und der unterrichtlichen Ebene. Die Polarität von Homogenisierung und Integration sowie die Befundlage über die Lerneffekte in heterogenen Lerngruppen werden hierbei kritisch beleuchtet. Tillmann bietet keine Problemlösung an, sondern fragt stattdessen, wie man Lehrkräfte für einen professionellen Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft gewinnen könnte. Eine von Angelika Paseka et al. durchgeführte ethnographische Studie an drei Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg wird anschließend vorgestellt. Mittels einer videobasierten Lernplattform wurde untersucht, inwieweit das Gestaltungspotenzial der Schulen genutzt wurde. Besonderes Augenmerk wurde auf die Beziehungsstrukturen in den Kollegien und auf die Bedeutung der Schulleitung für die Implementierung der Innovationen gelegt. Paseka legt dar, wie sehr Erfolg und Nachhaltigkeit der Schulentwicklung von der Organisationskultur der jeweiligen Schule abhängig sind. Barbara Wimmer und Christoph Helm umreißen in ihrem knappen Beitrag die Genese und Konzeption des Unterrichts- und Schulentwicklungsprojekts „COoperatives Offenes Lernen“ (COOL) im Kontext der Deregulierung im österreichischen Schulwesen. Es ist das erklärte Ziel aufzuzeigen, „wie Schulentwicklung und Unterrichtsentwicklung in der Praxis aussehen kann“ (115). Diesem Anspruch wird der Text nur teilweise gerecht, weil er zu programmatisch gehalten ist, die Korrespondenz zwischen Zielen und weiteren Faktoren der Schulentwicklung nicht deutlich genug ist und der Schulentwicklungsjargon die theoretische Auseinandersetzung dominiert. Anna Kanape und David Kemethofer geben einen differenzierten Einblick in die veränderte staatliche Steuerungsphilosophie im österreichischen Schulwesen. Im Mittelpunkt steht das neue Aufgabengefüge der Schulleitung angesichts der Öffnung von Gestaltungsspielräumen bei gleichzeitig zunehmender Rechenschaftspflicht. Dieses Verhältnis wird mithilfe der (internationalen) Schulleitungsforschung reflektiert. Formen der Schulleiterqualifizierung werden vorgestellt. Der Text baut eine gute Brücke zum dritten Teil des Bandes.

Mit dem Ansatz des Educational Governance wird das Verhältnis unterschiedlicher Akteursgruppen im (Macht)Gefüge der Schulentwicklung fokussiert. Marcus Emmerich und Katharina Maag Merki gehen der Frage nach, welche Angebotsstrukturen der adaptiv-individuellen Förderung in einem prinzipiell exklusiv bzw. selektiv angelegten Schulsystem geschaffen werden und wie potenzielle Nutzer (z.B. Eltern) darauf reagieren. Vor dem empirischen Hintergrund erwartungswidriger Erfolge und Misserfolge von Schulen stellt sich die Frage, wie Kontextbedingungen der Schulpraxis von den Akteuren interpretiert und handlungsleitend werden. Dazu legt das Autorenteam erste Forschungsergebnisse aus Primarschulen der Schweiz vor. Die Frage des Verhältnisses von Schulaufsicht und Beratung ist seit Jahrzehnten offen. Sie stellt sich im Kontext der Umsteuerung für die Schulinspektion und Schulaufsicht neu. Zwischen beiden sieht Martin Heinrich „die maximal ungeklärte Verhältnisbestimmung“ (154). Er analysiert die Rollenwahrnehmungen auf beiden Seiten, sowohl mit Blick auf die (vermeintlich) eigenen Aufgaben als auch auf die Aufgaben der jeweils anderen Seite in der Ambivalenz einer helfenden oder kontrollierenden Beziehung. Seine Überlegungen münden in drei Strukturmodelle (169ff.), von denen er das „integrierte Fusionsmodell“ favorisiert. Der dritte Teil wird beendet mit einem ironisch-distanzierenden Portrait der Schul- und Hochschulreformen der letzten Jahrzehnte, das von Roman Langer angefertigt wird. Langer beschreibt die Mechanismen auf der Hinterbühne der Reformen, die Durchsetzungsstrategien gegenüber der Öffentlichkeit und die unliebsamen Effekte der Verschärfung des (Bildungs)Wettbewerbs – bis hin zur manipulativen Deformation der Adressaten in übermächtigen Governance-Strukturen.

Zieht man ein kritisches Fazit, so wird man den Ertrag des Buches für den schultheoretischen Diskurs zurückhaltend beurteilen müssen: Nur ein Teil der Texte verfolgt aktuelle Theorie- und Forschungsfragen. Insbesondere in den ersten beiden Teilen des Bandes erscheinen manche Abhandlungen recht wahllos; die Anknüpfung an das Schulentwicklungsthema angesichts des Spannungsfeldes zwischen Steuerung und Autonomie – wie es der Titel ankündigt, gelingt nur punktuell und vor allem im dritten Teil. Im Ganzen mangelt es an der Fokussierung auf das Kernanliegen bzw. an einem roten Faden. Bedauerlich ist zudem, dass das breite Oeuvre Altrichters zu wenig zur Geltung kommt, obwohl es für die Autorinnen und Autoren dafür hinreichend viele thematische Anknüpfungspunkte gegeben hätte. Daran ändert auch das freundlich wirkende Nachwort Angelika Pasekas, das sich als „Hommage an Herbert Altrichter“ gibt, nur wenig.

[1] Schlee, J.: Schulentwicklung gescheitert. Die falschen Versprechen der Bildungsreformer. Stuttgart: Kohlhammer 2014.
Wolfgang Schönig (Eichstätt-Ingolstadt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Wolfgang Schönig: Rezension von: Paseka, Angelika / Heinrich, Martin / Kanape, Anna / Langer, Roman (Hg.): Schulentwicklung zwischen Steuerung und Autonomie, Beiträge aus Aktions-, Schulentwicklungs- und Governance-Forschung. Münster/ New York/ München/ Berlin: Waxmann 2017. In: EWR 17 (2018), Nr. 2 (Veröffentlicht am 09.05.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383093198.html