EWR 17 (2018), Nr. 2 (März/April)

Sammelrezension zu Flucht und Bildung

Verena Cornely Harboe / Mirka Mainzer-Murrenhoff / Lena Heine (Hrsg.)
Unterricht mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen
Interdisziplinäre Impulse für DaF/DaZ in der Schule
Münster / New York / München / Berlin: Waxmann 2016
(241 S.; ISBN 978-3-8309-3436-3; 24,90 EUR)
Volker Heyse / John Erpenbeck / Stefan Ortmann (Hrsg.)
Intelligente Integration von Flüchtlingen und Migranten
Aktuelle Erfahrungen, Konzepte und kritische Anregungen
Münster / New York / München / Berlin: Waxmann 2016
(175 S.; ISBN 978-3-8309-3547-6; 34,90 EUR)
Claudia Seibold / Gisela Würfel (Hrsg.)
Soziale Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule
Weinheim / Basel: Beltz 2017
(219 S.; ISBN 978-3-7799-3455-4; 16,95 EUR)
Maren Ziese / Caroline Gritschke (Hrsg.)
Geflüchtete und Kulturelle Bildung
Formate und Konzepte für ein neues Praxisfeld
Bielefeld: transcript 2016
(439 S.; ISBN 978-3-8376-3453-2; 29,99 EUR)
Unterricht mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen Intelligente Integration von Flüchtlingen und Migranten Soziale Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule Geflüchtete und Kulturelle Bildung Ein Anstieg von Anträgen auf Asyl war in Deutschland in den vergangenen Jahren zu beobachten. Einen Höhepunkt öffentlicher Aufmerksamkeit erfuhr die Fluchtmigration nach Deutschland im Jahr 2015. Die Medien sprechen rückblickend vom „Flüchtlingssommer“ [1], um die höhere Zuwanderung sowie institutionelle und gesellschaftliche Reaktionen in diesem Zeitraum zu bezeichnen. Auch die vier Sammelbände, die im Folgenden besprochen werden sollen, beziehen sich auf den Zuzug Geflüchteter der vergangenen Jahre und sind in den Jahren 2016 und 2017 erschienen ist – im Jahr 2016 auf den Büchermarkt gekommen. Wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven entstanden, lassen sie sich so gewissermaßen als Reaktion auf die Migrationsbewegungen und den damit verbundenen öffentlichen Diskurs lesen. Auch auf den Zeitraum selbst nehmen sie Bezug:

Heyse, Erpenbeck und Ortmann verweisen in der Einleitung ihres 175-seitigen und farbig illustrierten Bandes explizit darauf, dass er „hochaktuell“ (14) sei und sich auf „den […] Zeitraum von August 2015 bis August 2016“ (14) beziehe. Er sei im Zeitraum von nur zwei Monaten entstanden (14).

Auch der 241 Seiten umfassende Band von Cornely Harboe, Mainzer-Murrenhoff und Heine geht auf eine 2015 veranstaltete „Sommerschule DaZ“, an der Universität der Herausgeberinnen, der Ruhr-Universität-Bochum, zurück. Anfragen von Schulen sowie von Studierenden bildeten laut Einleitung den konkreten Anlass (10) für das Lehrkonzept.

Auch Würfel und Seibold betonen im Vorwort – auf eine Einleitung haben die Herausgeberinnen verzichtet – ihres 219 Seiten umfassenden Bandes, dass „die Planungen für dieses Buch zurück in die Zeit [reichen], als täglich sehr viele Menschen in Deutschland angekommen sind“ (9).
Zu einem ähnlichen Zeitpunkt, und zwar „zu Beginn des Jahres 2015“ (31) entstand auch die Idee zu dem Band von Ziese und Gritschke, der mit 439 Seiten das bei Weitem umfangreichste Unterfangen der Auswahl darstellt.

Trotz dieser Gemeinsamkeit handelt es sich jedoch, wie sich im Folgenden herausstellen wird, um sehr unterschiedliche Werke bzw. Schwerpunktsetzungen und Perspektiven.

Für eine erste Einordnung lohnt der Blick auf die Adressat*innen, Zielsetzung und Titel der vier Bände. Zum einen werden die verschiedenen Disziplinen und Praxisfelder deutlich, aus denen die Herausgeber*innen stammen bzw. die sie adressieren; zum anderen wird das Thema Flucht aufgegriffen. Bereits die gewählten Untertitel „Interdisziplinäre Impulse für DaF/DaZ in der Schule“ (Cornely Harboe, Mainzer-Murrenhoff und Heine), „Erfahrungen, Konzepte und kritische Anregungen“ (Heyse, Erpenbeck und Ortmann) und „Formate und Konzepte für ein neues Praxisfeld“ (Ziese und Gritschke) geben Hinweise darauf, dass es sich bei allen Publikationen um Bücher mit Praxisbezug handelt.

Der Band von Heyse, Erpenbeck und Ortmann lässt erst einmal keine Rückschlüsse auf die Fachdisziplin der Herausgeber zu, die in der freien Wirtschaft und/oder in der Wissenschaft im Bereich Kompetenzmanagement tätig sind. Dafür gibt der Titel durch die Begriffe „Integration“ sowie „Flüchtlinge“ eine erste theoretische Verortung. Die Ergänzung um die Gruppe der „Migranten“ erweitert das Thema des Buches deutlich über den Fokus Flucht hinaus. Dies spiegelt sich auch in den Beiträgen wider, die sich nicht durchgängig auf Geflüchtete beziehen (Kapitel 9, 147-158) oder die Begriffe teilweise nebeneinander benutzen (z.B. Kapitel 3, 81-92). Eine bestimmte Zielgruppe als Leser*innen sprechen die Herausgeber nicht direkt an, in deren Band vielmehr „unterschiedliche Facetten eines Prozesses“ (18), einer intelligenten Integration, in den Beiträgen aufgezeigt werden. Die übergeordnete Zielsetzung der Publikation bleibt etwas schwammig; es werden vielmehr einzelne Ziele und Ergebnisse der Beiträge benannt, wie z.B. die Formulierung von Anforderungen an Kompetenzfeststellungsverfahren (19).

Auch Cornely Harboe, Mainzer-Murrenhoff und Heine beziehen sich nicht ausschließlich auf geflüchtete, sondern vielmehr auf neu zugewanderte Kinder und Jugendliche, wobei das Alter durch das Praxisfeld Schule eingeschränkt wird. In der Einleitung wird zudem auf die geringen Deutschkenntnisse abgezielt (9), einzelne Kapitel gehen jedoch auf die spezifische Situation Geflüchteter ein (aus rechtlicher (19-56) und traumapädagogischer Sicht (57-80)). Der Fachbereich (bzw. die -bereiche) Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache (DaF/DaZ) wird im Titel zwar benannt, die Herausgeberinnen selbst arbeiten an ihren Universitäten jedoch in der Sprachlehr- bzw. Bildungsforschung. Ähnlich wie Heyse, Erpenbeck und Ortmann sprechen sie keine Zielgruppe direkt an, wenden sich indirekt jedoch über die Veranstaltung der Sommerschule DaZ an angehende Lehrkräfte sowie ihre Dozent*innen, da die „Beiträge als Impulse für die eigene Arbeit und als Ausgangspunkt für weitere notwendige Überlegungen und Auseinandersetzungen“ (17) dienen sollen.

Ebenfalls auf die Schule beziehen sich die Herausgeberinnen Seibold und Würfel, die selbst – auch das lässt der Titel ahnen – aus dem Bereich der Sozialen Arbeit kommen, genauer gesagt in der evangelischen Jugendsozialarbeit tätig sind. Die Praxisnähe ist dabei ein herausstechendes Merkmal der Publikation, was sich im Positiven wie im Negativen bemerkbar macht. Die Herausgeberinnen adressieren explizit sozialpädagogische Fachkräfte als Leser*innen und versprechen „wesentliche Informationen und Hinweise für Ihre Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule“ (9) zu geben.

Ziese und Gritschke haben mit diesem Band zweierlei gemeinsam: Beide Teams haben sich für den Begriff „Geflüchtete“ entschieden, der in Abgrenzung zu „Flüchtlinge“ genutzt wird. Außerdem sind auch Ziese und Gritschke beruflich in der Praxis, sie arbeiten in der Kulturellen Bildung. Die praktische Ausrichtung des Bandes ist aber mit einer klaren theoretischen Rahmung versehen, die sich nicht zuletzt in der Auswahl der Beitragenden widerspiegelt. Sie geben mit Abstand den differenziertesten Einblick in Fragestellung und Zielsetzung ihres Buches (26-27), das sich an Akteur*innen der Kulturellen Bildung wendet. Ihr Ziel besteht darin, ein „Diskursbuch“ zu bieten, das zum Austausch Kulturschaffender beiträgt.

Inwiefern und auf welche Weise setzen die Bände ihre Ziele um? Dies soll im Folgenden für jedes Buch einzeln (in alphabetischer Reihenfolge) besprochen werden. Der Sammelband von Cornely Harboe, Mainzer-Murrenhoff und Heine gliedert sich in eine Einleitung gefolgt von acht Beiträgen. Vorangestellt wurde als Danksagung ein kurzes Vorwort der Herausgeberinnen. Dem Lehrprojekt entsprechend ist der größte Teil der Autor*innen an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Die interdisziplinäre Zusammensetzung des insgesamt klar auf Sprache ausgerichteten Bandes wird in erster Linie durch die ersten beiden Beiträge erreicht, die eine Einführung in die rechtliche Situation geflüchteter Kinder und Jugendlicher sowie die Arbeit mit potentiell traumatisierten Schüler*innen geben und auch für fachfremde Leser*innen gut verständlich Grundlagenwissen wie Definitionen u.ä. thematisieren. Ebenfalls auf Definitionen und Grundlagen geht der Beitrag zur Alphabetisierung (105-130) ein, dessen Lesbarkeit jedoch durch seinen in weiten Teilen listenförmigen Aufbau etwas leidet. Sehr basal kommt leider die Übertragung von Erkenntnissen der Fremd- und Zweitsprachenforschung auf das Themenfeld daher (81-104), bei der – wenn auch mit der Ansage, dass „die Prinzipien noch gezielt auf die Ebene der Unterrichtsplanung heruntergebrochen und mit konkreten Inhalten gefüllt werden [müssen]“ (90) neun, teilweise sehr allgemeine und dadurch wenig hilfreiche Prinzipien formuliert werden, die kaum spezifisch für die Situation neu zugewanderter Schüler*innen zu sein scheinen. Zur Veranschaulichung kann exemplarisch eine Aussage wie die folgende dienen, dass „das Erlernen einer neuen Sprache ein längerfristiger, kumulativer Prozess [ist], der viel Übung und Gelegenheiten zur Sprachanwendung erfordert“. (99). Im Gegensatz dazu erfreuen die Beiträge mit unterrichtspraktischer Ausrichtung: Neben theoretischer Hinführung weisen die Artikel von Weber, Cornely Harboe und Mainzer-Murrenhoff sowie von Kull konkrete Beispiele und/oder Materialien für den Deutschunterricht auf. Positiv wirkt auch die abschließende Rahmung des Bandes durch einen studentischen Erfahrungsbericht, der die Perspektive der angehenden Lehrkräfte auf die Sommerschule DaZ veranschaulicht und die Erfahrungen reflektiert (221-238). Informationen zu den Autor*innen sind auf den letzten Seiten des Buchs zu finden.

Insgesamt erfüllt die Publikation – zumindest soweit dies für die Leser*in aus der Ferne nachvollziehbar ist – ihren Anspruch, das Lehrprojekt abzubilden und Impulse zu setzen. Der Schwerpunkt liegt dabei klar auf der Sprachdidaktik. Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, aufgrund des Titels eine umfassende Auseinandersetzung mit dem „Unterricht mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen“ aus verschiedenen Perspektiven zu erwarten. Anstelle der „interdisziplinären Impulse“ hätte ein Hinweis auf die Sommerschule DaZ im Untertitel Abhilfe schaffen können.

Das Buch von Heyse, Erpenbeck und Ortmann ist in der Reihe Kompetenzmanagement in der Praxis erschienen, die auch von den beiden Erstgenannten herausgegeben wird. Den Rahmen bilden zwei kurz gehaltene „fachfremde“ Vorworte, eines von der Dokumentarfilmerin Rita Knobel-Ulrich, eines aus der Erziehungswissenschaft von Prof. Louis Henri Seukwa. Die folgende Einleitung gibt eine ebenfalls sehr kurz ausgefallene Einordnung des Publikationsvorhabens, das weitere zehn nicht weiter untergliederte Artikel umfasst. Beendet wird das Buch mit den Autor*inneninformationen, Fotos inklusive.

Klar zu erkennen ist ein Schwerpunkt des Bandes auf dem Verfahren KODE, das Heyse und Erpenbeck gemeinsam mit der ISB GmbH Bühren, deren Geschäftsleiter der Mitherausgeber Ortmann ist, entwickelt haben. Drei Beiträge widmen sich unterschiedlichen Aspekten bzw. Einsatzmöglichkeiten des informellen und in mehreren Sprachen vorliegenden Verfahrens zur Kompetenzfeststellung (Abschnitt 7, 9 und 10). Auch der Beitrag von Herdin und Wink beschäftigt sich mit zwei Verfahren zur Kompetenzerfassung und skizziert Anforderungen an solche Instrumente, um dann das in Arbeit befindliche Projekt „Berufliche Kompetenzen erkennen“ vorzustellen, das zur beruflichen Integration von „formal Geringqualifizierten und Flüchtlingen“ (107) beitragen soll. Den theoretischen Rahmen des Bandes liefern die von den Herausgebern verfassten Kapitel (21-48 und 81-92) gemeinsam mit einem Erfahrungsbericht des Leiters einer Erstaufnahmeeinrichtung, der eine praktische und auch teilweise emotionale, jedoch wenig reflektierte Perspektive einbringt (49-80). Die Praxisberichte lassen ebenfalls an verschiedenen Stellen eine theoretische Einbettung und Reflexion vermissen, wie beispielsweise in Kapitel 8 (136-146), in dem – abgesehen von einem Verweis auf ein Zeitungszitat von Richard David Precht und einem auf das bekannt gewordene „Wir schaffen das!“ der Kanzlerin – keinerlei Literatur einbezogen wird. Insgesamt ist die Anordnung und Auswahl der Beiträge des Bandes nicht ohne Weiteres nachzuvollziehen und ein roter Faden ist nicht durchgängig zu erkennen. Die Kürze, in der das Buch entstanden ist, merkt man ihm durchaus an, beispielsweise wenn in der Einleitung die einzelnen Beiträge stichpunktartig und in unterschiedlichem Umfang sowie Stil zusammengefasst werden (14-18). Auch die Auswahl der Bilder wirkt etwas willkürlich. Die Erweiterung des Buches über das Kernthema der Kompetenzfeststellung hinaus hat, Aktualität hin oder her, sich somit leider nicht positiv ausgewirkt.

Die Praxisorientierung, die die Herausgeberinnen Seibold und Würfel im Vorwort ankündigen, wird in ihrem Band durchgängig eingelöst, im Guten wie im Schlechten. So ist allen Beiträgen eine praktische Ausrichtung gemeinsam. Insgesamt gliedert sich das Buch in 23 Artikel, die dementsprechend teilweise sehr kurz ausfallen. Die letzten zehn werden unter der Überschrift „Erkenntnisse und Beispiele aus der Praxis“ geführt. Die einleitenden Beiträge decken eine Vielfalt von Themen ab, die laut Herausgeberinnen „die Lebenswirklichkeit der jungen geflüchteten Menschen beschreiben“ (9). Tatsächlich geht es jedoch – das wird auch im Vorwort in der Folge deutlich – weniger um eine deskriptive Darstellung der Lebenslagen Geflüchteter als vielmehr um Forderungen und Handlungsempfehlungen an sozialpädagogische Fachkräfte, die teilweise klare Wertungen enthalten. Jedoch bleiben die meisten Beiträge eher an der Oberfläche. Dies liegt leider nicht ausschließlich an ihrer Länge, auch wenn klar ist, dass beispielsweise ein dreiseitiger Text einen Themenkomplex wie „Die Macht der Sprache“ nur anreißen kann (22-24). Schade ist auch, dass teilweise sehr wenig Literatur (explizit) einbezogen wurde und gerade bei den Beiträgen der beiden Herausgeberinnen (111-119 und 120-131) kein abschließendes Literaturverzeichnis zu finden ist. Positiv hervorzuheben sind dagegen beispielsweise die Darstellungen zu möglichen Traumatisierungen junger Geflüchteter und dem Umgang damit (39-50) sowie die übersichtlich und verständlich zusammengefassten „Basisinformationen zu rechtlichen Fragen“ (Kapitel „Aufenthalt und Schulbesuch“, 62-70) oder der aus einer längeren Publikation extrahierte Beitrag zum Umgang mit Diskriminierung, der praktische Anregungen enthält (99-110).

Die Projektdarstellungen im zweiten Teil des Buches sind aus verschiedenen Bereichen zusammengestellt und reichen von bekannteren, auch an anderer Stelle beschriebenen Projekten wie der SchlaU-Schule oder dem Projekt InteA zweier hessischer Ministerien (Kultus sowie Soziales und Integration) bis zu kleinen Initiativen wie einem Tanzprojekt an einer Schule. Diese kurzen, teilweise als Interview aufgebauten Projektskizzen geben einen ersten Einblick und können eher als Teaser verstanden werden, um Impulse zu setzen. Unklar bleibt jedoch, nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurden und wieso gerade diese Projekte hervorgehoben werden. Auch ein Zusammenhang zu den vorherigen Beiträgen wird nicht hergestellt, obwohl dies an einigen Stellen durchaus von Interesse wäre.

Abgeschlossen wird der Sammelband durch einen Anhang mit einigen, (sehr) wenigen Literaturhinweisen und Verweisen auf Webseiten, die jedoch nicht durchgängig spezifisch auf das Thema des Buches verweisen, wie z.B. im Falle des Bildungsberichts. Als letzte Information finden sich die Angaben zu den Autor*innen sowie Bildnachweise. Insgesamt bleibt so ein gemischter Eindruck dieses Praxisbandes zurück.

Das letzte Buch dieser Rezension hebt sich am deutlichsten von den anderen ab, sowohl von seinem Umfang als auch von seiner Ausrichtung, auch wenn sich formal gesehen einige Ähnlichkeiten finden und auch die Praxis angesprochen wird. Das knapp 450 starke und relativ eng bedruckte Buch gliedert sich nach zwei kurzgehaltenen, unterstützenden Grußworten in sieben Teile, von denen der erste jedoch nur die Einleitung beinhaltet. Diese legt Fragestellung, Ziele und Aufbau des Buches jedoch sehr klar dar und gibt gleichzeitig einen theoretischen Rahmen des Bandes. Ebenso wie das Inhaltsverzeichnis und die Abstracts der Beiträge liegt sie auf Deutsch und auf Englisch vor.

Die weiteren sechs Teile umfassen jeweils zwischen fünf und neun Beiträge, so dass nach der Einleitung noch 42 Artikel zusammenkommen, wovon der letzte Teil sich auf neun leitfadengestützte Projektsteckbriefe beschränkt, die jeweils nur wenige Seiten umfassen. Das Buch zeichnet sich durch Autor*innen verschiedener Felder und Disziplinen sowie vielfältige Formen und Themen aus. Die Bandbreite reicht von wissenschaftlich-theoretischen oder empirischen Darstellungen (z.B. der überwiegende Teil der Beiträge in Teil 2) über projekt- oder erfahrungsbasierte Artikel bis hin zum Abdruck eines Vortrags von Paul Mecheril (Teil 2, 101-106) sowie Interviews mit verschiedenen Akteuren aus Wissenschaft und Praxis, z.B. der Künstlerin Ülkü Süngün oder dem Sprecher der Organisation „Jugendliche ohne Grenzen“, einem Zusammenschluss geduldeter Jugendlicher, der u.a. von den Erfahrungen der Organisation sowie seinen eigenen mit Projekten der Kulturellen Bildung berichtet (Teil 3, 149-154 und 155-165).
Ausführlichere Projektdarstellungen als in den Steckbriefen finden sich in Teil 6: Unter dem Titel „Reflektierte Projekterfahrungen“ werden allerdings nicht nur konkrete Initiativen vorgestellt, wie „Mutalka: Treffpunkt Museum“, das geflüchtete Menschen zu Guides in verschiedenen Berliner Museen ausbildet (Teil 6, 361-366), sondern auch beispielsweise Forschungsergebnisse zur Einbindung Geflüchteter in kulturellen Projekten diskutiert (Teil 6, 367-376). Ebenso wie sich in diesem Teil konkrete, praktische Vorhaben mit theoretisch ausgerichteten mischen, geschieht dies in den übrigen Teilen – je nach Teilbereich in unterschiedlicher Gewichtung. So eröffnet eine kritische Reflexion des „Muttersprachlers“ den Teil zu „Sprachen und Räumen“ (Teil 5, 261-274), in dem jedoch auch konkrete Vorhaben vorgestellt werden, wie das Bildwörterbuch ICOON for Refugees (Teil 5, 285-294).

Abgeschlossen wird das Buch mit Hinweisen zu „Materialien: Positionen, Tipps und Links“, die wiederum in sechs Teilbereiche untergliedert, der/ dem Leser*in Empfehlungen verschiedener Organisationen oder ihre Webseiten mit kurzer Einordnung vorstellen. Zuletzt stehen die Autor*innen inklusive Kontaktinformationen.

Die Perspektive, die die Herausgeberinnen einnehmen, ist eine rassismuskritische und zum Teil postkoloniale. Sie bezeichnen sie selbst als geprägt „durch Denkschulen und Praxisansätze wie Postkolonialismus, Migrationsgeschichte, Anti-Bias-Arbeit, Kritisches Weißsein, Antisemitismusforschung, Kritische Kulturvermittlung und Institutionskritik“ (29). Dies entspricht auch den Beiträgen im Buch, so dass bei aller Vielfalt hinsichtlich der oben angesprochenen Aspekte eine klare theoretische Verortung des Bandes auszumachen ist, die einerseits einen roten Faden bildet und die Auswahl der Beiträge und Autor*innen begründet, andererseits eben einen bestimmten Zugang zum Feld der Kulturellen Bildung wählt und sich von anderen Sichtweisen abgrenzt.

Abschließend lässt sich festhalten, dass allen Bänden eine deutliche Ausrichtung an der (meist pädagogischen) Praxis gemeinsam ist. Trotzdem sind dabei vier sehr unterschiedliche Bücher entstanden. Die Aktualität des Themas hat zu einer schnellen, teilweise eventuell etwas zu schnellen Veröffentlichung geführt. Praxisberichte und erste Impulse lassen sich finden. Was Bestand hat, muss sich jedoch zeigen. Die Arbeit an den Kerngebieten der Bände, sei es in der Kompetenzfeststellung, sprachdidaktischen Lehrkräfteausbildung oder Sozialen Arbeit, wird fortgesetzt und muss im Kontext der Migrationsgesellschaft weiterentwickelt werden – unabhängig von den temporär steigenden oder fallenden Zahlen der Asylanträge und der damit einhergehenden öffentlichen Aufmerksamkeit in Deutschland. Eine empfehlenswerte Lektüre als Beispiel für eine fundierte, wenn auch theoretisch festgelegte Auseinandersetzung eines Feldes mit dem Themenkomplex bietet allerdings der Band von Ziese und Gritschke, der Themen auch über den Moment hinaus trägt.

[1] z.B. Glas, Andreas: Was vom Flüchtlingssommer bleibt. In: Süddeutsche Zeitung, 2017. Verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/bayern/fluechtlingskrise-man-hat-gar-nicht-begriffen-dass-man-teil-der-geschichte-ist-1.3649042 (abgerufen am 15. Januar 2018).
Nora von Dewitz (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Nora von Dewitz: Rezension von: Harboe, Verena Cornely / Mainzer-Murrenhoff, Mirka / Heine, Lena (Hg.): Unterricht mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen, Interdisziplinäre Impulse für DaF/DaZ in der Schule. Münster / New York / München / Berlin: Waxmann 2016. In: EWR 17 (2018), Nr. 2 (Veröffentlicht am 09.05.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383093436.html